Das DomQuartier feiert heuer sein zehnjähriges Bestehen. Das Jubiläumsjahr ist gefüllt mit jeder Menge Highlights, die die Besucherinnen und Besucher auf eine Reise durch die Geschichte Salzburgs entführen. Aber auch sonst finden gerade wichtige Weichenstellungen statt. Vor Direktorin Andrea Stockhammer liegt eine so spannende wie herausfordernde Zeit. Mit vision.salzburg sprach sie über Wolf Dietrich, Weltkultur und Kunst zwischen Tizian und Tony Cragg.

≈ Erzbischof Wolf Dietrich war eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Salzburger Geschichte. Mit ihm begann der prunkvolle Weg in den europäischen Barock. Was war er für ein Typ?
Wolf Dietrich kam nach Salzburg und fand eine mittelalterliche Stadt vor, die so gar nicht seinem Idealbild einer Stadt entsprach. Er war in Rom aufgewachsen, liebte die italienische Eleganz. Und dann blickt er auf einen Friedhof (St. Peter), und auch sonst ist alles eng und alt. Also nimmt er viel Geld in die Hand und lässt ganze Häuserzeilen abreißen. So schafft er Raum für Plätze, damit er repräsentieren kann. Denn er braucht Publikum, und Publikum braucht Platz.
≈ Mit diesen Einschnitten hat er sich nicht nur Freunde gemacht, nehme ich an?
Nein. Das war kritisch beobachtet. Sie müssen sich vorstellen: Er hat die Residenz errichten lassen, und kaum war sie fertiggestellt, zog er nicht ein, weil sie ihm nicht gefiel, sondern hat daraus Verwaltungsgebäude gemacht und eine zweite, neue Residenz errichten lassen. Die Salzburger haben nicht schlecht gestaunt, wie er herumgefuhrwerkt hat. International fand er jedoch genau wegen dieser Bautätigkeit große Anerkennung. Im berühmtesten Reiseführer Venedigs dieser Zeit wurde ihm zu der »wunderbaren Kathedrale« gratuliert und gewürdigt, dass er den Künstlern gegenüber großzügig war. Der Capella di San Marco etwa, die für Wolf Dietrich gespielt hat. Das Ensemble gibt es immer noch und es wird zur Eröffnung unserer venezianischen Sonderausstellung hier spielen.
≈ Lassen Sie uns über diese erste Sonderausstellung, »Die Farben der Serenissima «, sprechen.
Gern. Es wird der erste Gastauftritt des Kunsthistorischen Museums Wien in Salzburg sein. Wir werden die großen Namen der venezianischen Malerei hierher holen, von Tizian über Tintoretto und Veronese bis hin zu Canaletto. Wir erzählen die Geschichte eines Phänomens: Dass sich an einem Ort eine Malweise etablierte, die so charakteristisch war, dass sie einfach jeder kannte. Noch zweihundert Jahre später hat man in Europa Venezianer gesammelt. Man ist ihnen regelrecht nachgejagt. Wer unter den Herrschern etwas auf sich hielt, hatte solche Bilder.
≈ Warum passen sie so gut nach Salzburg?
Weil es zwischen Salzburg und Venedig seit Jahrhunderten ganz enge Verbindungen gibt: Zuerst einen Handelsweg, auf dem – vereinfacht gesagt – Salz und Silber nach Venedig gingen und im Gegenzug Spezereien und Waren aus der ganzen Welt nach Salzburg. Aus diesem Handelsweg haben sich künstlerische Beziehungen entwickelt. Die Sonderausstellung ist eine tolle Gelegenheit, der venezianischen Malerei in Salzburg einen besonderen Auftritt zu geben. Passend dazu wird es am 31. August ein großes venezianisches Fest geben. Heuer jährt sich ja der Geburtstag von Erzbischof Marcus Sitticus zum 450. Mal, der das italienische Theater und venezianische Feste nach Salzburg gebracht hat. Unser Maskenball in der Residenz wird, wenn auch als zeitgemäße Interpretation, in dieser Tradition stehen. Es wird ein ganz besonderes Fest mit Musik und Tänzen.



≈ Nicht das einzige Highlight, oder?
Nein, das Salzburg Museum hat mit der Hubert-Sattler-Ausstellung ein Gastspiel in unserem Haus. Sattler hat die ganze Welt bereist und seine Eindrücke dann in sogenannten Kosmoramen verarbeitet, die man derzeit im Nordoratorium sehen kann. Fürs nächste Jahr planen wir in der Residenzgalerie eine Ausstellung zur Portraitmalerei im 19. Jahrhundert. Im Nordoratorium werden Tapisserien (gewebte Bildteppiche) mit Szenen aus der Genesis zu sehen sein. Das waren die teuersten und aufwendigsten Kunstwerke ihrer Zeit. Und wir werden in einer Kooperation mit der Galerie Ropac Juli/August kommenden Jahres Werke von Tony Cragg präsentieren – die erste Ausstellung zeitgenössischer Kunst in den Prunkräumen.
≈ Wie kam es dazu?
Er war hier in Salzburg, hat in der Galerie Ropac ausgestellt. Als ich seine Arbeiten sah, habe ich mir gedacht, dass sie mit ihrer raumgreifenden Opulenz fulminant in diese Räume passen könnten. Also habe ich ihn eingeladen und ihm die Räume gezeigt. Das hat ihn so beeindruckt und inspiriert, dass er zugesagt hat. Er wird extra für diese Räume Arbeiten anfertigen, und er wird Arbeiten nach Salzburg mitbringen, die hier noch nie zu sehen waren.
≈ Was hat Sie eigentlich gereizt an der Direktion des DomQuartiers Salzburg?
Es fühlt sich ein bisschen nach einer Heimkehr an, denn in einer früheren Phase meiner Karriere habe ich mich mit der monumentalen Malerei der Renaissance in Österreich auseinandergesetzt, u.a. in Salzburg. Ich beschäftige mich auch gerne mit Sammlungen, die – so wie hier – einen historischen Bezug zu dem Ort haben, an dem sie präsentiert werden. Der Ort hier ist untrennbar verbunden mit der kulturell gewachsenen Identität von Stadt und Land Salzburg. Es gibt tolle Geschichten, die man erzählen kann. Und dann ist es die einzigartige Verbindung von Spiritualität und Kultur. Die Selbstverständlichkeit, mit der geistliche Fürsten weltlichen Prunk, die Erzählungen aus dem Leben Alexander des Großen etwa, mit der christlichen Mythologie verbanden. In der Residenz haben Sie die ganze Heldensage an der Decke, dann geht man ein paar Schritte in den Dom und ist in christlichen Erzählungen und einem ganz eigenen Wertesystem. Dass man das miteinander verbinden kann, ist hochinteressant.
≈ Denken Sie, dass das Potenzial des DomQuartiers ausgeschöpft ist oder gibt es noch Luft nach oben?
Wenn man sich anschaut, aus welchen Gründen Salzburg vor knapp dreißig Jahren Welterbe geworden ist, dann treffen die Kriterien der UNESCO in verdichteter Form auf das DomQuartier zu. Salzburg wird als herausragendes Beispiel eines geistlichen Fürstentums bezeichnet, und das DomQuartier war Zentrum dieses Fürstentums. Ein Kriterium der UNESCO bezieht sich auf immaterielle Kultur und man bekommt es nur dann, wenn es noch immer materielle Kultur gibt, die Zeugnis dafür ablegen kann, was dieser Ort einmal bedeutet hat. Das trifft ganz besonders für das DomQuartier zu: Mozart war hier als Hofmusiker angestellt, er hat für diese Räume komponiert. Er ist hier aufgetreten und hat mit dem Fürsterzbischof Colloredo gemeinsam musiziert. Viele Objekte im Dommuseum, aber auch in der Erzabtei stehen auch heute noch in liturgischem Gebrauch. Wir sind aber auch ein besonderer Ort der Festkultur: Seit 2022 liegen die Prunkräume in unserer Verantwortung. Dem wollen wir in Zukunft mehr Beachtung schenken und beschäftigen uns gerade damit, wie wir die Räume in einen authentischeren Zustand bringen.
≈ Abschließend noch zum Besucherzentrum, das entstehen soll: Was ist die Idee dahinter?
Im Innenhof links hinten ab dem Teufelsgang wird es ab 2028 ein Besucherzentrum geben. Dabei geht es einmal darum, die Geschichte dieses außergewöhnlichen Museumskomplexes zu erzählen. Und darum, das tolle, aber in die Jahre gekommene Domgrabungsmuseum zu attraktivieren und einen Präsentationsort für die römerzeitlichen Bestände des Salzburgmuseums zu finden. Vom Besucherzentrum aus wird man runter in die tieferen Zeitschichten einsteigen können. Dann wird man Salzburg vom römischen Leben in Juvavum über den Bau des Doms und den Barock bis ins 19. Jahrhundert hinein erleben können. Wir können dann zweitausend Jahre Salzburger Geschichte als Erlebnisort präsentieren. Das ist etwas ganz Besonderes. Wenn man verstehen möchte, was Salzburg über die Jahrhunderte geprägt hat, dann kommt man zu uns.
Vielen Dank für das Gespräch.

Andrea Stockhammer (geboren 1971 in Wien) ist seit Herbst 2022 Direktorin des DomQuartiers. Salzburg kennt die studierte Kunsthistorikerin seit ihrer Jugend, weil sie die Sommerurlaube mit ihrer Familie oft in Mariapfarr verbrachte und zum Skifahren nach Wagrain kam. Sie schätzt die einzigartige Mischung aus traumhafter Natur – Berge und Seen zum Schwimmen – und hochkarätiger Kultur in der Stadt. Zuletzt hat sie das Landesmuseum Mainz geleitet und war dann im Kulturministerium u.a. für Weltkulturerbe und immaterielle Kulturpflege verantwortlich, wo sie die Kaffeehauskultur vermisst hat. Sie liebt das Café Bazar und das Fahrradfahren – so sehr, dass sie morgens sogar bei Regen mit dem Rad ins DomQuartier fährt.
Sonderausstellung
»Die Farben der Serenissima. Venezianische Meisterwerke von Tizian bis Canaletto« ab 21. Juni
Kuratorinnen-Führungen 29. Juni, 11.00 Uhr; 20. Juli, 11.30 Uhr mit Kuratorin Çiğdem Özel
Gesprächs- und Vortragsreihe 31. Juli und 7. August, 17.00 Uhr (Führung, Gespräch & Umtrunk)
Festa Veneziana
Venezianisches Fest mit Parade, Straßenkunst und Maskenball 31. August ab 16.00 Uhr Parade / ab 20.00 Uhr Maskenball
Weitere Infos & Termine
FOTOS MUSEUM ST. PETER, FLORIAN STÜRZENBAUM, ANDREAS KOLARIK
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