Verzweifelte Frauen, hilflose Männer – Interview mit Mareike Fallwickl

by Markus Deisenberger
4 minutes read
A+A-
Reset

MAREIKE FALLWICKL hat ein Buch über Wut geschrieben. In einer DRAMATISIERTEN Fassung wird »DIE WUT, DIE BLEIBT« als Uraufführung bei den SALZBURGER FESTSPIELEN zu sehen sein. Ein Gespräch über das Unbehagen der Gewalt und die Logik der Aufopferung.

Viele Geschichten beginnen oder enden damit, dass sich ein Mann die Pistole an den Kopf hält. In Deinem Buch steht Helene, Mutter von drei Kindern, beim Abendessen auf, geht zum Balkon und stürzt sich ohne ein Wort in den Tod. Hat Dich dieses vermeintliche Tabu, dass sich eine Frau, eine Mutter umbringt, gereizt?

In der Rückschau wirkt das ironisch, aber ich wollte eigentlich etwas Nettes schreiben. Das Buch war so gut wie fertig, und dann waren wir wieder im Lockdown. Es war unklar, wie es weitergeht, und ich habe fast täglich Nachrichten von befreundeten Müttern erhalten, in denen stand: »Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Ich spring jetzt vom Balkon.« Im Idealfall ein hypothetischer Satz, mit dem man Verzweiflung ausdrückt. Ich war wie elektrisiert und dachte: Was, wenn das wirklich eine Mutter macht? Was für eine Geschichte kann dann entstehen? Also hab‘ ich mich im größten Homeschooling-Wahnsinn mit dem Laptop an den Küchentisch gesetzt und die erste Seite geschrieben. Dann war sofort klar, dass das viel besser wird als das geplante nette Buch.

Das Buch entstand also aus einer Blitzidee?

Ja, und aus den Umständen heraus. Dass es ein Tabu ist, ist mir bewusst. Wir verknüpfen Mutterschaft und Weiblichkeit so eng miteinander, dass wir alle das Gefühl haben: Männer sind gar nicht in der Lage dazu, Sorgearbeit zu machen. Wir nehmen das den Männern komplett weg, sind nachsichtig, wenn ein Mann nicht belastbar ist. Wenn sich aber Mütter entziehen, ist das ein Tabu, weil wir erwarten, dass sie sich weit über die Grenzen aufopfern.

Die Rolle der Mutter übernimmt nach Helenes Tod erst mal ihre beste Freundin Sarah. Johannes, der Vater, entzieht sich seiner Verantwortung.

Es gibt die Szene, in der Johannes auf die Uhr schaut, während ein Kinder aufs Gesicht fällt und sich das andere ankotzt. Sarah, die sich noch nie um Kinder gekümmert hat, bleibt mit den Kindern allein in der Wohnung, er geht arbeiten. Man denkt: Die wird das schon hinkriegen, weil sie eine Frau ist. Und er? Er nimmt auch eine Verantwortung wahr, aber die schaut halt anders aus. Er kann nicht gleichzeitig Erwerbsarbeit und Care- Arbeit machen. Er wähnt seine Kinder in guten Händen, weil zwei Frauen da sind. Es geht darum, welche Rollen wir den Geschlechtern zuschreiben. Männer sind nicht die Bösewichte, sie sind nicht schuld. Sie sind gefangen im System und in ihrer Hilflosigkeit.

Die Wut löst im Buch eine Gewaltspirale aus. Auch als Leser wird man wütend und ertappt sich dabei, Gewalt gutzuheißen. Wo führt die Wut hin? Wo endet sie?

Sarah hat nicht verstanden, dass sie wütend sein darf, weibliche Wut wird seit Jahrhunderten dämonisiert und pathologisiert. Helenes Tochter Lola hingegen ist in Sachen Wut auf Anschlag. In dem Punkt unterscheiden sie sich. Wir sind gewöhnt, dass Gewalt von Männern Richtung Frauen geht. Wenn es in die andere Richtung läuft, löst das ein großes Unbehagen aus. Die Fragen, die das Buch stellt, sind: Ist es logisch, dass Gewalt Gegengewalt auslöst? Wo sind die Grenzen? Und ist Wut zwangsweise destruktiv oder gäbe es auch einen anderen Weg?

Lola und Sarah unterscheiden sich in ihrem Umgang mit der Wut. Aber sie haben auch vieles gemeinsam, oder?

Gut, dass du das sagst, weil ich oft darauf angesprochen werde, dass das zwei so unterschiedliche Generationen sind, die da aufeinanderprallen. Mag sein, aber es geht auch viel um Annäherung, Schwesterlichkeit und Verbundenheit. Dass die beiden irgendwann einsehen, dass sie sich viel zu sagen haben und voneinander lernen können.

Das Buch sorgt, obwohl es schon ein Jahr alt ist, immer noch für Diskussionen.

Ja, und das freut mich sehr. Es hat bewirkt, dass Frauen ehrlich zueinandersind und sich bewusst werden, welche Last auf ihren Schultern liegt. Dass Räume aufgehen, Frauen miteinander reden, sich vernetzen, und die Schuld nicht mehr bei sich selbst suchen. Es braucht viel Kapazität, um die eigene Situation zu analysieren. Wenn du Diskriminierung erst einmal siehst, kannst du sie nie wieder nicht sehen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mareike Fallwickl (*1983 in Hallein), ist eine österreichische Autorin. Nach dem Studium der Sprachwissenschaft arbeitete sie als Korrektorin und Texterin, bevor sie 2012 ihren ersten Roman veröffentlichte. In ihren Büchern möchte sie einen entlarvenden Blick auf unsere Gesellschaft werfen. »Die Wut, die bleibt« ist ihr vierter Roman. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Hof bei Salzburg.

FOTOS MAREIKE FALLWICKL

Abonnieren unser Newsletter, dann bist du immer gut informiert!

You may also like

Something about me

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetuer adipiscing elit. Aenean commodo ligula eget dolor. Aenean massa. Cum sociis natoque penatibus et magnis dis parturient montes, nascetur ridiculus mus. Donec quam felis, ultricies nec, pellentesque eu, pretium quis, sem. Nulla consequat massa quis enim.

Penci Design