Shootingstar der Theaterszene: Interview mit Julia Windischbauer

by Markus Deisenberger
4 minutes read
A+A-
Reset

Julia Windischbauer ist der Shootingstar der heimischen Theaterszene. Im Herbst wechselt die Linzer Schauspielerin von Berlin ans Wiener Burgtheater. Vorher spielt sie bei den Salzburger Festspielen noch die Adoptivtochter Recha in »Nathan der Weise«. Mit uns sprach sie über ihre Rolle und die Freiheit der Wut.

Recha ist ein junges Mädchen, das weder mit Wissen noch mit Männern in Berührung gekommen ist. Würden Sie sagen, dass sie naiv ist?

Recha genoss durch die Präsenz ihres Vater, und ihrer Erzieherin Daja schon eine fundierte Bildung, wenn auch vorwiegend auf religiösen Glauben gestützt. Für mich ist es in der Rollenerarbeitung wichtig, die Naivität Rechas, die viele Lesarten schon aufgezeigt haben, nicht zu umgehen, vielmehr durch sie hindurch zu arbeiten. Ich erlebe die Figur auf den Proben als ein sich wandelnder, heranwachsender Mensch, der sich nach Nähe, Vertrauen und Verständnis sehnt. Dabei macht sie Fehler und ist aber beständig an einem Werden interessiert, wofür sie Wege sucht, dem näher zu kommen.

Sie haben in Maria Stuart die Elisabeth gespielt. Gibt es Parallelen? Manchen gilt Elisabeth trotz ihrer zur Schau gestellten Stärke im Grunde ihres Wesens als unsicher und schwach.

Die meisten der Figuren, die ich bisher spielen durfte, weisen Parallelen auf. Das hat aber weniger mit der Figurenauswahl, als vielmehr mit einer patriarchal geprägten Erzählform zu tun. Sowohl Schiller als auch Lessing zeichnen (weibliche) Figuren, die bis an die Grenze des Möglichen gehen, um selbst Entscheidungen treffen zu dürfen. Dass diese mehrheitlich von männlichen Figuren diskutiert und schließlich getroffen werden, bringt Figuren wie Recha oder Elisabeth in einen Zwiespalt, ob nun angepasste Härte gefordert ist, oder mit dem inhärenten Opfergestus agiert werden muss. Ganz passend vielleicht ein Satz, den Elisabeth in der Runde ihrer Berater hochhält: »Ein Weib ist nicht schwach. Ich will in diesem Kreise nichts über die Schwäche des Geschlechtes hören.« Aber auch dieses Geschlecht, wenn man so will, darf schwach sein, darf stark sein. Es geht um die Zuschreibungen vorrangig männlicher Handlungsweisender, die es zu überprüfen gilt.

Über ihren Kopf hinweg werden für Recha weitreichende Entscheidungen getroffen. Sie haben mal gesagt, Emotionen hätten auf der Bühne nichts verloren. Macht Sie die Art und Weise nicht wütend? Wie geht man mit dieser Wut um? Wie kann man sie auf der Bühne nutzen?

Wut ist einer meiner größten Antriebe. Das meine ich nicht ausschließlich aus meiner Person heraus, sondern als transformative Kraft, die mir vor einigen Jahren bei meiner beginnenden Auseinandersetzung mit Hannah Arendt begegnet ist. 1963 schrieb sie an Gershom Scholem: »Ich bin in der Tat heute der Meinung, dass das Böse immer nur extrem ist, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie. Es kann die ganze Welt verwüsten, gerade weil es wie ein Pilz an der Oberfläche weiterwuchert. Tief aber, und radikal ist immer nur das Gute.« Aus dem heraus möchte ich mich klar zu einer Wut bekennen, die für das Gute kämpft. Und das auf einer Bühne innerhalb sortierter Strukturen tun zu dürfen, birgt für mich eine große Freiheit. Dass (wie ich damals gesagt habe), »eigene Gefühle« auf der Bühne nichts verloren haben, möchte ich auch weiterhin als Interpretationsgrundlage begreifen.

Wie realistisch ist es, mit dem Ruf nach Harmonie, Akzeptanz und Toleranz durchzudringen? Wird er heute – in Zeiten, in denen in Europa ein Krieg tobt – ausreichend gehört?

Eine Bibelstelle bringt es wohl auf den Punkt: »Wir wissen, dass wir von Gott sind, und die ganze Welt liegt im Argen.« (1 Joh. 5, 19). Da ich mit allen mir zu Verfügung stehenden Mitteln an tiefgreifenden Begegnungen auf jeglicher Ebene arbeite, komme ich immer mehr zu dem Gedanken, dass in einem solch reduzierten Aufeinandertreffen die größte Kraft liegt. Um von dort aus weiterziehen zu können; die Augen, Ohren und Herzen offen zu halten und die Bemühung, nach außen gekehrt zu verbleiben, nie zu vernachlässigen.

Keine Religion ist absolut, so der Tenor im Stück. Wie stehen Sie privat zu Religion und Spiritualität?

Da schließe ich mich an. Für mich bedeutet Glauben, für eine Hoffnung zu kämpfen und stets den seidenen Faden der Lider zu heben, um wieder klar sehen zu können. Und es wäre doch schade, würde man sich nicht die ein oder andere Lebensweisheit, die man am Weg aufschnappt, zunutze machen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Julia Windischbauer (*15. Dezember 1996 in Linz) ist eine österreichische Schauspielerin, Filmproduzentin und -editorin. Von 2016 bis 2020 studierte sie Schauspiel an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule. Für ihre Leistung als Jasmin erhielt Windischbauer die Auszeichnung für den »Besten Schauspielnachwuchs« beim Filmfestival Max-Ophüls-Preis 2022 sowie den Schauspielpreis der Diagonale ’22. Seit August 2020 ist sie festes Ensemblemitglied des Deutschen Theaters Berlin.

FOTOS ROBIN KATER

Abonnieren unser Newsletter, dann bist du immer gut informiert!

You may also like

Something about me

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetuer adipiscing elit. Aenean commodo ligula eget dolor. Aenean massa. Cum sociis natoque penatibus et magnis dis parturient montes, nascetur ridiculus mus. Donec quam felis, ultricies nec, pellentesque eu, pretium quis, sem. Nulla consequat massa quis enim.

Penci Design