WENN IN SALZBURG MENSCHEN AUF EINER BÜHNE ÜBERS SCHEITERN REDEN…
… dann ist das nicht nur während der Salzburger Festspiele der Fall, wenn der reiche Mann lebt, versagt und stirbt. Sondern auch bei den Fuckup Nights! Bei diesen Veranstaltungen erzählen Menschen auf einer Bühne von ihrem beruflichen Scheitern – mit dem Ziel, dass andere aus ihren Fehlern lernen, um diese nicht ebenfalls zu machen. Zu verdanken hat Salzburg dieses Veranstaltungsformat der Kommunikationsexpertin Aleksandra Nagele, die das öffentliche Reden übers Scheitern in Salzburg bühnenreif gemacht hat.
Fehler passieren! Jedem von uns!
Ja, wir machen alle Fehler! Egal, ob im Privat- oder im Arbeitsleben. Doch während das private Scheitern auf vielen Ebenen thematisiert und diskutiert wird, wird über berufliche Misserfolge in Österreich nicht ganz so gerne offen gesprochen. Und wenn, dann schon gar nicht in der Öffentlichkeit! Ein echter Game-Changer in dieser Hinsicht sind die Fuckup Nights. Eine Veranstaltungsreihe, bei der Gescheiterte auf einer Bühne von ihren »Fuckups« – wie Misserfolge umgangssprachlich im Englischen bezeichnet werden – berichten. Aber vor allem auch über die Lehren, die sie daraus gezogen haben. Mit der Absicht, dass andere dieselben Fehler nicht noch einmal machen müssen.
Fröhliche Fuckup Nights
Grundsätzlich laufen die Fuckup-Abende nach einem festen Schema ab: Die Speakerinnen und Speaker – meistens sind es zwischen drei und vier an einem Abend – erzählen ihre Scheiter-Geschichte und reflektieren, was sie daraus gelernt haben. Dafür haben sie zehn Bilder und zehn Minuten Zeit. Danach können die Gäste den Vortragenden Fragen stellen. Die Stimmung ist offen und locker: Es wird über die Selbstironie der Gescheiterten gelacht, es wird gestaunt und mitgelitten und ab und zu werden Tränen weggeblinzelt. Dazwischen gibt es Live-Musik von Hamam, einem Salzburger Duo, das die Texte ihrer Songs auf die Stories der Gescheiterten maßschneidert. Und danach ist noch Zeit, um sich bei einem Getränk mit den Gescheiterten und anderen Gästen auszutauschen. Ganz oft sind dann Sätze zu hören wie: »Das ist mir auch so gegangen.« Oder: »Oh ja, das kenn ich!« Aber auch: »Gut, dass ich das jetzt weiß. Das werd ich sicher nicht so machen!« Lessons learned, also.
Bitcoin-Millionär bis Schoko-Revolutionär
Die Veranstalterin dieser abwechslungsund lehrreichen Abende ist Aleksandra Nagele. Die Kommunikationsexpertin hat die Fuckup Nights 2018 nach Salzburg geholt. Die nächste, bereits fünfundzwanzigste (!) findet am 11. Oktober im Quartier Rauchmühle in den Räumlichkeiten des Unternehmens hotelkit statt. Schließlich hat Marius Donhauser, Geschäftsführer des Unternehmens und Gastgeber des Abends, selbst schon als Speaker auf der Fuckup-Bühne seine Geschichte mit knapp 150 Zuhörerinnen und Zuhörern geteilt. Und damit befindet er sich in bester Gesellschaft: Von der Hüttenwirtin bis zur Hotel-Managerin, vom Studierenden bis zum Uni-Professor, vom Bitcoin-Millionär bis zum Mönch sind schon viele verschiedene Menschen auf der Salzburger Fuckup- Bühne gestanden. Einer davon: Der berühmte Steirer Chocolatier Josef Zotter. Gebannt haben die Gäste den Worten des Schokolade-Revolutionärs gelauscht, als er vom Konkurs seiner Konditorei, von seinem Friedhof für erfolglose Schoko-Kreationen und gescheiterte Ideen und von anderen Fehlurteilen berichtete.
Gemeinsam gescheiter scheitern
Aber was die Besucherinnen und Besucher der Fuckup Nights vor allem interessiert: Was haben die Gescheiterten aus ihren Fehlern gelernt? Welche Fehler kann man selbst vermeiden? »Tatsache ist, dass man viel mehr aus Misserfolgen als aus Erfolgen lernt. Wenn man sich traut hinschauen und aus Fehlern Lehren zieht, dann kann daraus Innovation entstehen«, sagt Aleksandra Nagele, Veranstalterin der Fuckup Nights. Sie ergänzt: »Fuckup Nights sind Safe Spaces, in denen wir erzählen, zuhören und fragen. Dadurch entwickelt sich ein wunderbarer Resonanzraum, in dem wir voneinander lernen – genau dazu sind Fehler da.« Und der Vorteil, den die Speakerinnen und Speaker davon haben, ihre größten Misserfolge noch einmal auf der Bühne zu durchleben? »Viele der Vortragenden haben mir gesagt, dass es eine Katharsis war, sich in der Vorbereitung auf den Abend noch einmal Gedanken über das eigene Scheitern zu machen. Alles kurz und prägnant auf den Punkt bringen zu müssen und vor vielen Menschen auf einer Bühne darüber zu reden. Viele sehen das als Chance, noch einmal einen echten Schlussstrich unter ihren Fail ziehen zu können. Und sie freuen sich darüber, andere vielleicht davor bewahren zu können, die eigenen Fehler zu wiederholen«, erläutert Nagele.
Die kluge Firma baut vor…
Das Credo des Hinfallens, Lernens und wieder Aufstehens teilt Nagele übrigens auch auf andere Weise: Und zwar, indem sie Fuckup Nights für Firmen organisiert, Workshops zum Thema Scheitern anbietet und Unternehmen dabei unterstützt, wie sie eine Fehlerkultur etablieren und Irrtumskompetenz stärken können. »Denn der größte Fehler ist es, wenn Mitarbeiter aus Angst vor Fehlern gar nichts machen. Ich fülle den Koffer mit Werkzeugen, die dabei helfen, die Chance hinter den Fehlern zu sehen. Oder anders gesagt: Ich unterstütze Unternehmen dabei, ihre Irrtumskompetenz zu stärken, Erfahrungen in Erkenntnisse zu verwandeln. Damit sie bereit sind, wenn einmal Fehler passieren. Und die passieren in Unternehmen, die offen und innovativ agieren…« schmunzelt Aleks Nagele.




Über die Fuckup Nights Salzburg
Die Fuckup Nights bringen Geschichten übers Scheitern im Beruf auf die Bühne. Sie sind 2012 in Mexiko entstanden und inzwischen eine globale Bewegung in mehr als 60 Ländern und über 300 Städten. 2018 holte Aleksandra Nagele die Veranstaltungsreihe von Weltformat in die Mozartstadt: Am 18. Jänner 2018 ging die ersten Fuckup Night Salzburg über die Bühne und hat sich seitdem zum wahren Publikumsmagneten entwickelt. Als Locations der bisher 24 Fuckup Nights dienten schon Salzburger Agenturen, Bars, Kirchen, Parks, das Kapuzinerkloster u.v.m.
#sharethefailure
Drei Visionäre fragen an Aleksandra Nagele
Initiatorin der Salzburger Fuckup Nights
V_Sag mal, Aleks, wie bist du überhaupt auf die Idee der Fuckup Nights gekommen?
AN_Naja. Das war eigentlich recht unspektakulär. Ich habe eine Doku über die Fuckup Night in Deutschland gesehen und mir gedacht: Kein Wunder, dass es das in Salzburg nicht gibt. In der Stadt des schönen Scheins, wo niemand über berufliche Fehler redet. Und nach kurzem Überlegen und mit großer Unterstützung vieler ambitionierter Menschen konnte die erste Fuckup Night über die Bühne gehen. Und was soll ich sagen: Die Resonanz war mega! Und ist es bis heute geblieben.
V_Aber warum fasziniert dich das Thema Scheitern? Wer redet schon gern übers Versagen?
AN_Klar, niemand macht gern Fehler. Niemand scheitert gern. Auch ich nicht! Aber gerade in unserer heutigen Gesellschaft, in der dir Tag für Tag der Hyper- Perfektionismus einer heilen Insta-Welt präsentiert wird, braucht es meiner Meinung nach einen Gegenpol. Einen, der sagt: Es ist okay, nicht immer perfekt zu sein. Du darfst Fehler machen. Die passieren jedem von uns. Und du bist nicht allein damit. Im Gegenteil: Fehler zu machen kann sogar gut sein, wenn man was draus lernt! Nur so entsteht Neues!
V_Du sagst ja selbst, dass du mit der Organisation der Fuckup Nights deine persönliche Komfortzone verlassen hast. Diese Chance eröffnest du nun auch anderen Menschen …
AN_ … indem ich »Dinner with a stranger« in Salzburg ins Leben gerufen habe. Dabei treffen sich unbekannte Menschen zu einem Abendessen. Und zu jedem Gang wird eine Frage »serviert«, über die dann gesprochen wird. Auf diese Weise ergeben sich spannende Gespräche. Diese Treffen sollen die Chance bieten, einmal aus seiner Bubble rauszukommen, neue Menschen und deren Sichtweisen kennenzulernen, von deren Erfahrungen zu profitieren. Manchmal ergeben sich aus solchen Abenden interessante Kontakte. Manchmal ist es einfach nur ein exzellentes Abendessen in netter Gesellschaft.

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