Burnout: Wenn der Körper „Nein!“ sagt

by Markus Deisenberger
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»Burn-out« hat sich in den letzten Jahren zur Volkskrankheit entwickelt. Wie kommt’s dazu, dass wir chronisch erschöpfen?

Und was können wir dagegen tun?

Eigentlich sendet der Körper Zeichen, wenn es ihm zu viel wird: Erschöpfung, Migräne oder Schlafstörungen zeigen: Jetzt ist es genug. So war es auch bei Susanne. Nur ging sie immer darüber weg, erzählt sie. »Wenn man selbstständig ist und funktionieren muss, nimmt man halt eine Tablette und funktioniert weiter.« Klingt einfach, ist es aber nicht. »Denn irgendwann beginnt man, sich am Wochenende sozial zurückzuziehen, weil man es sonst nicht mehr durch die Woche schafft.« Die Folgen sind Lustlosigkeit und irgendwann der völlige Zusammenbruch. »Mein Körper hat mich schließlich in die Knie gezwungen«, erzählt sie. Von einem Tag auf den anderen bekam sie Panikattacken. »Ich konnte gar nicht mehr schlafen, war völlig neben der Spur.«

Laut Statistik sind es 4,2 Prozent der Erwachsenen, die unter einem Burnout-Syndrom leiden. Die Dunkelziffer liegt deutlich darüber, denn viele fühlen sich durch die Diagnose immer noch stigmatisiert und schweigen lieber. In den USA gaben jüngst 44 Prozent von 1.405 befragten Arbeitnehmern an, sich bei der Arbeit ausgebrannt zu fühlen. 45 Prozent gaben an, sich durch ihre Arbeit »emotional ausgelaugt« zu fühlen.

Bei mir persönlich war irgendwann der Punkt erreicht, an dem ich nur noch wollte, dass es aufhört, dass jemand endlich das Hamsterrad, in dem ich mich gefangen fühlte, stoppt. Dank einer Therapie und einem Burnout-Präventionsprogramm (dazu später) ging es schnell wieder vorüber. Bei anderen dauert der Zustand länger, führt teilweise zu völliger Agonie und Berufsunfähigkeit. Spätestens da wird es Zeit, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen und Spezialisten wie Stefan Geyerhofer, klinischer Psychologe und systemischer Familientherapeut in Salzburg, zu Rate zu ziehen. Im Laufe seiner Karriere hat er sich auf die Therapie von Menschen mit Panikattacken spezialisiert. Im Zuge der Ursachenanalyse für Panikattacken komme man automatisch zu den Belastungssituationen, erzählt er. Heute weiß man, dass sowohl Über- als auch Unterforderung zum Burnout führen können. Eine weitere Rolle spielt das Thema Kontrolle/Einfluss. »Da ticken Menschen sehr unterschiedlich«, so Geyerhofer. Der eine brauche viele Vorgaben, der andere mehr Freiheit, sonst fühlt er sich fremdbestimmt. Wichtig sei auch Anerkennung, d.h. ob das, was man leistet, auch wahrgenommen wird. »Da geht es weniger um Prämien, sondern darum, dass es nicht selbstverständlich ist, wenn man sich für seine Firma den ›Haxn ausreißt‹.« Weitere Themen, die man sich bei der Ursachenanalyse anschauen muss, sind Gemeinschaft und Fairness. Haben Mitarbeiter Angst davor, Fehler zu machen? Und wird man fair und respektvoll behandelt, sind die Aufstiegschancen also gerecht verteilt? (Und gerecht heißt nicht gleich, d.h. wer mehr leistet soll auch bessere Chancen haben). Letzter laut Geyerhofer wichtiger Punkt: Wertekonflikte. »Oft werden in Firmen tolle Dinge nach außen präsentiert, im Inneren aber nicht gelebt.« Das erzeuge sehr viel Unzufriedenheit.

Gibt es Branchen, die besonders gefährdet sind, will ich von ihm wissen, helfende Berufe etwa? Nein, ist Geyerhofer überzeugt. Seine Forschung, u.a. eine breit angelegte Studie an der University of Berkeley, habe ergeben, dass Burnout ein branchenübergreifendes Phänomen ist und weniger mit besonderen Belastungen, sondern viel mehr mit der Diskrepanz zwischen den persönlichen Erwartungen und dem Tatsächlichen zu tun hat, und die könne man in jedem Job finden. Die Frage ist: Welche Bedingungen finde ich in einem Job vor und wie decken sich die mit meinen Erwartungen? Und die Erwartungen seien grundsätzlich auch nicht in der Stadt höher als am Land. Geyerhofer erzählt von einem Freund, der mit Dreißig in die Stadt zog, weil er es satt hatte, in seinem Dorf ständig gefragt zu werden, weshalb er noch kein Haus gebaut habe.

Zurück zu Susanne. Sie war wütend auf sich selbst, als sie plötzlich nicht mehr funktionierte. »Jemand muss mich reparieren«, dachte sie. »Mir war immer noch nicht klar, dass das alles in meiner Hand liegt.« Aber tut es das wirklich? Liegt es in unserer Hand? Ist es die eigene Persönlichkeitsstruktur, die uns die Latte zu hoch legen lässt, uns ein zu enges Korsett verpasst? »Auch«, sagt Geyerhofer. »Es gibt Bereiche, für die ich selbst verantwortlich bin. Wenn ich mich zu sehr über Leistungen definiere, hohen Perfektionismus einfordere, trotzdem unzufrieden bin, zu wenige Pausen mache, körperliche Alarmzeichen ignoriere.«

Zu den Belastungen im Job kämen also fast immer persönliche, private und gesellschaftliche Gründe dazu. Man müsse sich daher genau anschauen, welche Belastungskriterien es im Job, in der Person und im Privaten gibt und was daran ver- änderbar ist. Ein Beispiel: An der Pflegebedürftigkeit eines Familienmitglieds lässt sich nichts ändern, daran, wer es pflegt, sehr wohl. Vielleicht muss man Abstriche machen, weg vom Perfektionsanspruch.

Wie kommt es überhaupt so weit? Warum gehen wir über Grenzen einfach hinweg? Warum ignorieren wir die Zeichen, die uns unser Körper sendet? »Weil man sich selbst und seine Bedürfnisse kaum kennt und versucht, dem Außen zu entsprechen«, ist Susanne überzeugt. »Mit allem, was man gelernt hat. Dass man nur wichtig ist, wenn man erfolgreich ist, genug verdient, wenn man also gewisse Dinge erfüllt und darstellt.« Die Fragen, die man sich stellen muss, seien deshalb: Warum bin ich so gestrickt? Warum ist es mir so wichtig, dass mich alle gern haben und ich entspreche?

Als Frau sei es noch einmal schwerer, ist Susanne überzeugt. »Die perfekte Mama, die perfekte Ehefrau, perfekt im Job, bei den Nachbarn, im Haushalt. Es sind zu viele Rollen zu bedienen, sodass für das eigene Ich – was die wichtigste Rolle wäre – keine Zeit mehr bleibt.« Eine Statistik des Robert-Koch-Instituts (RKI), wonach Frauen mit 5,2 Prozent häufiger unter dem chronischen Erschöpfungssyndrom leiden als Männer (3,3 Prozent), gibt ihr recht. Valerie Steinhäuser, systemische Business-Coachin und Autorin des Buches »Die Macht- Zentrale« sieht es ähnlich wie Susanne: »Viele Frauen scheuen sich davor, Nein zu sagen, weil sie möglichst lieb zu allen sein wollen. ›Nein‹ ist oft eine völlig neue Option. Aber das Nein muss von innen kommen. Erst wenn ich aus der Erkenntnis meiner eigenen Bedürfnisse heraus Nein sage, ändert sich etwas.«

Susanne hat was geändert, sie hat eine bewusste Entscheidung für sich getroffen, sich beruflich verändert und mehrere Ausbildungen u.a. zur Mentaltrainerin und Lebens- und Sozialberaterin absolviert. „Da habe ich viel gelernt und es hat mich motiviert, noch mehr in die Ausbildung zu gehen, um Menschen mit ähnlichen Problemen zu unterstützen.“ Aber das war bei weitem nicht alles: „Man muss 100% zu sich stehen, dann wird sich auch alles rund um mich arrangieren“, sagt sie. Manche Freunde würden einen auf diesem Weg zwar verlassen, »wenn dir gewisse Dinge nicht mehr wichtig sind und du einer Rolle nicht mehr entsprichst«, was sehr bedauerlich sei, »aber es kommen auch neue dazu.«

Auch die Gesellschaft ändere sich, sagt Geyerhofer. »Was Firmen derzeit leisten, damit sie neue Mitarbeiter fin- den, wie sie auf angenehme Arbeitsbedingungen achten, haben wir noch vor Jahren für unmöglich gehalten.« So dreht der VW-Konzern neuerdings Freitagnachmittag die Server ab. Danach eingehende Nachrichten werden nicht mehr auf die digitalen Endgeräte weiter- geleitet, weil man will, dass die Mitarbeiter ihre Freizeit auch wirklich für Freizeit nutzen. Andere Automobilkonzerne zo- gen nach. Klar passiere das nicht frei- willig, sondern aufgrund des eklatanten Arbeitskräftemangels, aber positiv sei das trotzdem, so Geyerhofer.

Was hält er vom Burnout-Präventions-Camp der SVS oder »Gesundheitswoche Mental Fit & G’sund«, wie eine gezielte Woche heute heißt, in der man sich in Einzel-, Gruppentherapien mit seiner Situation beschäftigt und Entspannungstechniken erlernt? »Prinzipiell ist das eine gute Idee, weil es eine Akzeptanz für die Problematik schafft und Unterstützungs- leistungen anbietet.« Man müsse aber auf die Qualität schauen. Es gäbe Programme, so Geyerhofer, die nur auf die Person und nicht auf das Umfeld schauen. »Dann kommen die Leute nach Hause und haben noch mehr Druck, weil sie glauben, jetzt ganz schnell anders werden zu müssen.« Das deckt sich mit der Erfahrung, die eine befreundete Therapeutin mit Burnout-Patienten gemacht hat: »Viele fordern Hausübungen und sind enttäuscht, wenn sie keine bekommen.« Der Zwang nach Perfektion und Selbstoptimierung unserer Gesellschaft – er wird auch als Maßstab für die eigene Therapie angelegt. Sie muss schnell und effizient sein.

Mir persönlich haben diese »Burnout-Wochen« mit Gleichgesinnten viel gebracht. Natürlich ist nicht alles eitel Wonne. Neben Sinnvollem (Therapien und Meditationsübungen) gab es auch Sinnbefreites, Nordic Walking auf Zeit etwa. Dass man Leute, die ein Problem mit Drucksituationen haben, einer neuerlichen Drucksituation aussetzt, findet Geyerhofer »paradox«. Der Erfolg einer solchen Woche würde eigentlich bedingen, so der Therapeut, dass der Patient zum Nordic-Walking-Instructor sagt: »Hab mich gern und geh’ allein!« Genau das hat ein Kollege damals gemacht. Er hat verweigert. Er war offenbar am weitesten von uns. Ich habe danach begonnen, mir autonome Zeiten, d.h. nur für mich und meine Bedürfnisse bestimmte Zeiten, in den Kalender einzutragen. Immerhin.

Der Bedarf an solchen professionell begleiteten Auszeiten jedenfalls ist riesig. Jedes Mal, wenn ich zurückkam und Freunden davon erzählte, kam ein: »Mein Gott, so was bräuchte ich auch!« Zudem rechnen sich solche Maßnahmen. Jeder Euro in eine vorbeugende Maßnahme ist gut investiert, weil doppelt, dreifach auszugeben, wenn jemand arbeitsunfähig wird. Der Hintergrund solcher Programme ist daher ein finanzieller, die Krankenkassen ersparen sich Unsummen. Umso absurder ist, dass andere Versicherungen noch nicht auf diesen Zug aufgesprungen sind, und selbst die SVS ihr Programm zurückfährt: Einem 7-tägigen Grundaufenthalt folgt heute nur noch eine 7-tägige Auffrischungswoche. Bei mir waren es noch vier solcher Auffrischungswochen.

Wie kann man sonst vorbeugen? Ganz einfach, meint Geyerhofer. Man solle sich seine persönlichen Belastungsfaktoren anschauen und dann überlegen, was davon änderbar ist. Öfter mal Nein sagen, weg von der Perfektion! Sich und anderen Fehler zugestehen! Susanne sagt, sie sei sensibler geworden. Merkwürdig. Meistens glauben wir doch, Sensibilität mache uns verletzlich. Genau umgekehrt sei es, sagt sie. Sensibel zu sein und einen ständigen Dialog mit sich selbst zu führen, schütze sie davor, ins nächste Burnout zu schlittern.

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