Lieder von heute – Interview mit Opernsänger Rolando Villazón

by Markus Deisenberger
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Rolando Villazón gehört zu jenen Opernsängern, die auch hervorragende Schauspieler sind. Bei der kommenden Mozartwoche wird der Intendant der Mozartwoche in Monteverdis »L’Orfeo« darüber hinaus noch zum Puppenspieler. Wie es dazu kam und wie man die Seele Mozarts auch Leuten nahebringt, die von Klassik keine Ahnung haben, darüber sprachen wir mit ihm.

≈ Claudio Monteverdis »L’Orfeo« gilt als Geburtsstunde der Oper. Und obwohl der Stoff mehr als 2.000 Jahre alt ist und die Uraufführung 417 Jahre zurückliegt, sind Thema und Musik immer noch aktuell, oder?

»L’Orfeo« ist nicht die allererste Oper, aber Nikolaus Harnoncourt hat einmal gesagt, wir können sie als erste Oper betrachten, weil Monteverdi es als erster geschafft hat, all diese verschiedenen Stile zu etwas Homogenem zusammenzufügen und dabei eine Geschichte toll und berührend zu erzählen. Es ist geradezu unglaublich, wie modern Monteverdi 2024 immer noch zu uns spricht.

≈ Dabei ging es Monteverdi vorrangig darum, den antiken Mythos wiederzubeleben…

Ja, die Künstler der Renaissance versuchten weg von den religiösen Themen zu gehen, indem sie sich alter Mythen bedienten. Und der Mythos von Orpheus hat mehr Opern inspiriert als jeder andere. Nur wollte man damals nicht, dass Orpheus wie bei Ovid zerrissen wird. Man wollte von Monteverdi ein schöneres Ende, also wurde es halt ein bisschen anders gemacht.

≈ Die Inszenierung von Nikolaus Habjan an der Semperoper war ein großer Erfolg. Es gab Standing Ovations. Was wird in der Salzburger Adaption anders sein?

Im Prinzip ist es dieselbe erfolgreiche Inszenierung, aber die musikalische Umsetzung wird eine andere sein. Jede musikalische Leiterin hat ihre eigene Version. So auch Christina Pluhar, die Monteverdis Musik mit ihrem phantastischen Ensemble L’Arpeggiata neu interpretieren wird.

≈ Pluhar hat in Salzburg auch schon Il re pastore, ein selten gespieltes, dafür umso interessanteres Frühwerk Mozarts auf die Bühne gebracht. Sie scheinen gerne mit ihr zu arbeiten?

Sie ist eine der intelligentesten und phantasievollsten MusikerInnen, die ich je getroffen habe. Und sie hat keine Angst davor, etwas zu riskieren. Dazu komponiert sie selbst und ist Musikologin – eine komplette Musikerin also, wie es sie selten gibt. Jemand, von dem ich lerne. Und ich bin sehr stolz, dass sie mit dem von ihr gegründeten Ensemble zum ersten Mal bei uns, bei der Mozartwoche in Salzburg, spielte. Jetzt kommt sie mit L’Orfeo, und es werden sicher weitere Auftritte folgen.

≈ Ein besonderes Merkmal der Inszenierung von Nikolaus Habjan sind lebensgroße Puppen auf der Bühne. Was bewirken sie?

Sie bringen eine andere Dramaturgie und schaffen fast magische Momente. Wenn es heißt, Orfeo muss in die Unterwelt, gibt es die unglaublich berührende Szene zwischen der Puppe und mir: Ich kann weg von meinem Körper gehen und eine freie Seele sein. Und wenn Eurydike stirbt, ist es ähnlich: Die Puppe geht zwar weg, aber ihre Seele bleibt. Die Sängerin ist also immer noch bei uns. Habjan hat den Mythos sehr intelligent gedacht, und man kommt dadurch, dass die Puppen den Mythos unterstützen, in die Geschichte rein, wie ich es noch nie erlebt habe.

≈ Sie haben mehrfach eine tiefe Verbundenheit mit der Musik Monteverdis bekundet. Wie kam es dazu?

Es ist schon länger her, da wurde ich gefragt, ob ich Monteverdis »Il combattimento di Tancredi« und Madrigale interpretieren möchte. Zuerst wollte ich ablehnen, weil ich dachte, das wäre nichts für mich. Emmanuelle Haïm hat mich schließlich überredet. »Das musst du machen!« hat sie gemeint. Also haben wir gemeinsam das Repertoire erarbeitet. Monatelang. Und es hat mich glücklich gemacht, weil es mir ein neues Repertoire erschlossen und eine neue Vorstellung davon vermittelt hat, »was man machen muss und was nicht«. Seitdem habe ich »Il combattimento« mehrfach und auch den »Ulysses« gesungen. Aktuell singe ich Konzerte mit der Lautten Compagney Berlin, die auch zur Mozartwoche mit einem eigenen Projekt kommen wird. Monteverdi hat etwas unglaublich Modernes.

≈ Inwiefern?

Es gibt Momente, da klingt seine Musik nach Liedern, wie man sie heute schreiben könnte. Dazu taucht man in diese tiefe Welt, die Monteverdi musikalisch schuf. So dramatisch. Und es gibt viele Dissonanzen, die zu Mozarts Zeiten aus ästhetischen Gründen alle wegfielen. Deshalb klingt Monteverdi oft zeitgemäßer als Musik aus dem 18. Jahrhundert. Auch Harnoncourt hat in seinem Buch »Der musikalische Dialog« gesagt, er kenne keine anderen Komponisten, die dramatischen Input mit Musik so meisterlich verbunden hätte wie Mozart und Monteverdi. Als ich das las, wusste ich, dass neben Bach, Händel und Haydn, die Mozart beeinflussten, auch Monteverdi eine Rolle bei der heurigen Mozartwoche spielen muss.

≈ Neben den von Ihnen genannten Komponisten wird es auch die Uraufführung einer zeitgenössischen Komposition (Tsotne Zedginidze) und mit der Produktion des Tanzkollektivs Potpourri Dance sogar ein Crossover zwischen Hip Hop und Klassik geben. Wie kam es dazu?

Bei »Bach to the Future« trifft der große Barockklangkünstler auf eine Uraufführung des erst 15-jährigen georgischen Pianisten. Warum? Ganz einfach. Die »Destination Mozart« kommt nicht nur aus der Vergangenheit, sondern auch aus der Zukunft. Und die Festival-Reihe Trazom (Mozart rückwärts gelesen. So unterschrieb Mozart manchmal, Anm.) zelebriert u.a. Hip Hop. Aber darüber hinaus haben wir heuer auch wieder eine Produktion im Marionettentheater, das Projekt mit der kolumbianischen Iberacademy Medellín wird fortgeführt, im Mozartkino werden bei »Mozart à la Chaplin« Folksmilch Stummfilmklassiker aus dem frühen 20. Jahrhundert musikalisch begleiten, und es gibt sogar ein Mozartquiz.

≈ Die Mozartwoche geht also in die Vollen?

Ja. Mozart hatte diese spielerischen Energien. Er war jemand, der das Abenteuer suchte. Das erfährt man schon allein aus seinen Briefen. Und wir sind hier kein Festival, das nur die wunderbaren Meisterwerke bringt. Wir versuchen als Stiftung Mozarteum das Leben Mozarts, seine Biographie und seine Seele zu vermitteln.

Vielen Dank für das Gespräch.

Rolando Villazón (*1972) ist nicht nur Tenor von Weltrang, Regisseur und Leiter der Salzburger Mozartwoche, sondern auch Kulturbotschafter Mexikos, Karikaturist und Roman- Autor. Bei der Mozartwoche singt und spielt er den Orfeo. Besonders freut ihn, dass Mozarts Geburtstag mit der gerade restaurierten Propter-Homines-Orgel zelebriert werden kann, und dass mit den Meisterkonzerten ein beliebtes Format der 1980er- und 1990er-Jahre wiederbelebt wird (u.a. mit Raphaela Gromes).

FOTOS: LUDWIG OLAH, WOLFANG LIENBACHER

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