Mozart musste Salzburg verlassen, um die Welt zu bewegen. Doch die Zeiten haben sich geändert: Es braucht nicht mehr unbedingt die Großstadt, um Großes in gang zu setzen. Zu Besuch bei drei Salzburgern, die mit ihrem Innovationsgeist einen neuen »Start-Up-Spirit« verkörpern.

In sechs Minuten ein aktuelles Forschungsprojekt vorzustellen ist keine Kleinigkeit. Vor allem nicht, wenn es sich um artikulatorische Phonetik handelt. Thomas Kaltenbacher vom Fachbereich Linguistik an der Uni Salzburg gelang das beim Science Slam allerdings so überzeugend, dass er für seinen Kurzvortrag, wie man Ultraschall für Aussprachetraining benutzt, den ersten Rang belegte. 400,00 Euro Preisgeld gab es dafür, die Uni hat noch einmal 300,00 draufgelegt. »An das Stundenhonorar könnte ich mich glatt gewöhnen«, lacht er. Bei seiner Forschung geht es darum, mittels Ultraschall oder künstlichem Gaumen zu visualisieren, was die Zunge beim Sprechen genau macht und durch dieses visuelle Feedback die Sprachfertigkeiten zu verbessern. Derzeit etwa perfektionieren 55 Anglistik-Studenten mithilfe des Ultraschalls ihre Aussprache im Englischen. Ultraschallüberwacht werden vor allem das »TH« und das sogenannte »Dark L« geübt. Aber nicht nur Studenten kommt die Technik zugute. Auch typische Sprechstörungen, etwa bei Sprachverlust infolge von Schlaganfällen, lassen sich eindeutig diagnostizieren und mittels gezielter Übung therapieren.

Spätestens seit Pokemon Go ist der breiten Masse geläufig, was man unter Augmented Reality versteht: Die computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung nämlich. Doch nicht nur im Spiel, in nahezu jeder geschäftlichen Branche lässt sich die Technik nutzen. So war die erste App, die das Salzburger Unternehmen Wikitude entwickelte, für den Tourismusbereich bestimmt. Schon schnell allerdings merkte man, dass man nicht in jeder Branche mitmischen kann, erzählt Geschäftsführer Martin Herdina. Heute stellt man eine Art Baukastensystem zur Verfügung, mit dem Unternehmen ganz unterschiedliche Projekte umsetzen können. Ob die Washington Post oder das Times Magazin ihr Medium interaktiv gestalten, ob Mediamarkt die Postwurfsendung mit Mobile Commerce ausstattet oder die US Navy ihre Handbücher den Soldaten interaktiv näherbringt – sie alle sind Kunden von Wikitude. Der Endkunde, der etwa auf dem Mobiltelefon einzelne Sofas eines Möbelhauses in der Umgebung seiner Wohnung ausprobiert, merkt dabei in der Regel gar nicht, dass die zugrunde liegende App mit dem System von Wikitude gebaut wurde. Trotz dieses Erfolges und obwohl man schon sieben Jahre auf dem Markt ist, sieht Herdina Augmented Reality noch immer in den Kinderschuhen. Für die Großen, d.h. die Samsungs und Huaweis dieser Welt, sei Augmented Reality aber längst wichtiger als Smartphones, sprich ein Zukunftsmarkt, der von Salzburg aus erschlossen wird.

Eines der von Start Salzburg (siehe Kasten) betreuten Unternehmen ist ReSensive: Christian Stadler, Inhaber einer Immobilienkanzlei und Bauträger, hatte die Idee eines speziellen Pflegesets für beschnittene Männer. Das Problem vieler beschnittener Männer: Durch Hornhautbildung geht die Empfindsamkeit verloren. Die Vision von ReSensive sei es nun, erzählt uns Co-Founder Ludwig Steppan, der neue Standard für männliche Intimpflege zu werden. Konkret wird mit einem speziellen Schwamm die Hornhaut abgepeelt und dann mit Creme gepflegt. Die Intimhygiene kommt nicht nur dem pflegenden Mann zugute, sondern natürlich auch dem geschlechtlichen Partner. Über Start Salzburg nun wurde Steppan dm-Österreich-Geschäftsführer Manfred Kühner als Mentor zur Seite gestellt. Das erfreuliche Ergebnis: Seit August ist die Pflegeserie in den dm-Filialen von Sarajewo erhältlich. Ziel ist es, 1.000 Stück zu verkaufen und am Feedback zu wachsen. Im November möchte man eine Crowdfunding-Kampagne starten, um das große Ziel zu erreichen: Die Einführung in den US-amerikanischen Markt. Was zunächst ein wenig schräg klingt, in einem Land wie Österreich, in dem es kaum beschnittene Männer gibt, ein solches Produkt zu entwickeln und fit für den Markteintritt zu machen, könnte so schon bald Realität werden.

 

Von der Idee weg unterstützen

Die Rechnung ist einfach: Erfolgreiche Start-Ups schaffen früher oder später Arbeitsplätze. Doch es ist mehr als das: »Auch die Kompetenzen allgemein werden gehoben«, sagt Oliver Wagner vom ITG Innovationsservice für Salzburg. »Letztlich geht es darum, unternehmerische Kultur zu fördern und Mut zu machen, sich unternehmerisch zu betätigen.« Wagners Aufgabe ist es, innovative Unternehmensgründer in der Region zu unterstützen – »und zwar in einer sehr frühen Phase, eigentlich schon von der Idee weg.« Da Salzburg ein kleines Bundesland ist, gehe es vor allem darum, Kompetenzen und Ressourcen zu bündeln. Das Förderprogramm »Start Salzburg« wurde daher auf Netzwerkbasis aufgebaut. »Wir nutzen die Synergiepotenziale etwa von Hochschuleinrichtungen und der Wirtschaftskammer«, so Wagner. Konkret gibt es mit der »Start Up Salzburg Factory« ein spezielles sechsmonatiges Programm, in dem innovative Geschäftsideen aus den verschiedensten Bereichen beraten und begleitet werden. Wagner und seine Mitarbeiter fungieren als Feedback-Geber und Sparring-Partner von der Erstellung eines Businessplans über Prototyp- und Markenentwicklung bis hin zum hoffentlich erfolgreichen Markteintritt. Auch finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten werden ausgelotet.[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row]

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