DAS VORWEIHNACHTLICHE SALZBURG BEZAUBERT DURCH LICHTER, GLANZ UND FRÖHLICHEN TRUBEL. WER DIE BESINNLICHEN AUGENBLICKE DABEI ETWAS VERMISST, SEI ZU EINEM STADTSPAZIERGANG FÜR DIE SEELE DURCH DIE SALZBURGER ALTSTADT EINGELADEN.

Am Tag vor dem ersten Adventsonntag entschließe ich mich zu einem Besuch des Salzburger Doms. Denn dann wird dort eine Vorabendmesse mit der traditionellen Adventkranzweihe zelebriert. Das heilige Haus füllt sich mit Menschen, die sich auf das Wesentliche dieser besonderen Zeit besinnen möchten. Wenn die Gebete und Gesänge durch die Bögen und Gänge bis hinauf unter die große Kuppel erklingen, dann wird mir auch wieder bewusst, dass noch so viel mehr zur Adventzeit gehört, als Glühwein, Strohsterne und kandierte Mandeln. Natürlich hat all das ebenso seinen berechtigten Platz im Leben dieser Stadt, aber manchmal suchen wir etwas, das man eben nicht angreifen kann, etwas, das uns oft auch im übrigen Jahr fehlt: Zeit und Muße zu reflektieren, in sich zu gehen und wieder zu sich zu nden. Vor der Messe habe ich aber noch einen ganzen Tag, um Momente des Innehaltens im Herzen der Stadt zu finden.

Zwischen Himmel und Erde

Der frühe Morgen präsentiert sich etwas nebelig und kalt, doch die Sonne bahnt sich bereits mit den ersten Strahlen ihren Weg hinunter in die noch ruhigen Gassen der Altstadt. Deshalb schaue ich nach einem Spaziergang vom Krauthügel über den menschenleeren Mönchsberg in den Toscaninihof bei einem befreundeten Standler am Grünmarkt vorbei, der gerade noch dabei ist, seine Waren einzurichten und schon eine Tasse Tee bereit hat. Zwischen wärmenden Schlucken mit leichtem Zimtaroma – mein alter Schulfreund hat zu jeder Jahreszeit die passende Geschmacksrichtung parat – plaudern wir über Familie, schmunzeln über gemeinsame Erlebnisse in der Vergangenheit und sehen den Tauben zu, die nach einem kurzen Erkundungs ug um die Kollegienkirche auf dem Platz landen und neugierig herumstolzieren. Nun kommen auch die ersten Kunden, und der Platz vor den Ständen wird knapper. Gut gestärkt lenke ich meine Schritte über die Salzach in die Linzer Gasse und steige langsam den Kapuzinerberg hinauf. Beim ersten Halt am Kapuzinerkloster belohnt mich die Stadt mit einem atemberaubenden Ausblick. Die Gesänge der Mönche schweben wie akkustischer Balsam durch den Wald, und ich denke daran, wie ich das erste Mal mit meinen Eltern auf diesem Stadtberg war, der seither etwas Besonderes für mich ist. Immer noch hat er diese wunderbar verwunschene Aura. Man beobachtet geschäftige Eichhörnchen, und da und dort bewegt sich eine Gams leise durch das Dickicht. Als ich beim Franziskischlössl ankomme, empfängt mich das Flair des Adventmarktes sanft mit offenen Armen. Hier fühlt sich die Adventzeit wirklich so an, wie ich es von früher kenne: Warmherzig und bodenständig. Die angebotenen »Spezereien« sind von regionaler Herkunft, und oft auch vor Ort hausgemacht. Zu den Klängen der Stub’n Musi genieße ich köstliche Hirschwürstl mit einer Scheibe Roggenbrot aus der Schlösslbäckerei.

Wieder unten in der Stadt braucht nun auch mein Geist Nahrung. Da kommt das nahegelegene Antiquariat in der Bergstraße gerade recht. Einfach einmal in Ruhe stöbern, vielleicht findet sich ja das eine oder andere Kleinod. Und tatsächlich, nach einiger Zeit halte ich eine leicht angestaubte, englische Ausgabe von »A Christmas Carol« von Charles Dickens mit wunderschönen Illustrationen in Händen. Für mich einer der Klassiker unter den Weihnachtsgeschichten. Den neu erwor- benen Schatz in der Tasche führt mich mein Weg zurück über die Brücke zum Café Glüxfall. Dort, im gemütlichen Innenhof, unter Heizstrahlern und mit einer Decke warm eingepackt, gönne ich mir eine heiße Tasse Kaffee und einen köstlichen Flammkuchen und blättere in meinem Buch. Als ich dann in der im Café aufliegenden Zeitung lese, sticht mir eine besondere Ausstellung im DomQuartier ins Auge: »Weihnachtliches aus dem Sammlungsbestand der Residenzgalerie Salzburg« mit Meisterwerken aus dem 16. bis 19. Jahrhundert. Ausstel- lungen im DomQuartier versprechen stets schöne Stunden, das lasse ich mir nicht entgehen. Und ich werde nicht enttäuscht: Ich flaniere durch die ehrwürdigen Hallen und bestaune Werke von Künstlern wie Caspar de Crayer, Battista Luteri, Simon de Vos und Anton Mozart.

Die Ausstellung ist eine wunderbare Einstimmung auf die bereits erwähnte Vorabendmesse, die ich jetzt besuche. Die erhebenden Impressionen der Messe schwingen noch nach, als ich danach wieder auf den Domplatz trete und meine Schritte Richtung Pferdeschwemme lenke. Auf der Terrasse der Blauen Gans lasse ich den Tag noch einmal Revue passieren und ausklingen. Wie in einer Oase verweilend bestelle ich einen Punsch und betrachte in mir ruhend das rege Treiben um mich herum. Die Nacht bricht herein, die Stadt schimmert im sanften Lichterschein der Adventzeit. Aber vielleicht ist es auch das Leuchten in den Augen der Kinder, die voller Vorfreude auf Weihnachten mit ihren Eltern durch die Salzburger Altstadt bummeln.

FOTOS Andreas Kolarik TEXT Bernhard Ostertag

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