»Wie geht’s?« fragt der Blinde zu einem Lahmen. »Wie Sie sehen«, antwortet der Lahme.
Georg Christoph Lichtenberg, 1742 – 1799, Begründer des deutschsprachigen Aphorismus

Salzburg zu Festspielzeiten – im Museum wird eine Ausstellung eröffnet, gleich nebenan lädt ein Galerist ein, dort wird ein neues Lokal eingeweiht, da veranstaltet ein Juwelier einen Cocktail, dort findet eine Weinverkostung statt, ein Autor stellt sein Buch vor. Ein gesellschaftlicher Event jagt den anderen und die Besucher jagen hinterher, täglich, stündlich. Mehrfacher Kleiderwechsel untertags mit eingeschlossen, das Angebot an Events ist groß und dem Anlass entsprechende Kleidung erforderlich. Außer man ist der Festspiel-Intendant, dann genügt ein schwarzes Outfit.

Die ganze Stadt ist nicht nur »Bühne« sondern auch ein riesiger gesellschaftlicher Pool, in dem sich so manch seltenes und seltsames Fischlein tummelt. Abgesehen davon, dass man zu diesen Zeiten sich günstig – wenn auch sehr einseitig – von Prosecco und Häppchen ernähren kann, wird sie von vielen hauptsächlich dazu benützt, um alte Kontakte zu erneuern oder um neue Menschen kennenzulernen. Denn keiner der eifrigen Eventbesucher und vor allem Eventbesucherinnen,konnte mir die unglaubliche Vielfalt seiner/ihrer Interessen an den sehr unterschiedlichen Veranstaltungen, bei welchen ich ihn/sie traf, bis jetzt glaubhaft erklären.

Doch nicht jede »Festspiel-Rallye« ist von Erfolg gekrönt. Um Ihnen »Leerläufe« zu ersparen, hier einige nützliche Tipps, die sich natürlich auch anderenorts bewähren:

  1. Wenn es möglich ist, erkundigen Sie sich bei den Gastgebern oder Veranstaltern, wer bei dem Event anwesend sein wird. Damit können Sie feststellen, wo es sich für Sie lohnt zu erscheinen.
  2. Wenn Sie ein Event in Begleitung besuchen, trennen Sie sich möglichst schon beim Eingang. So haben Sie die Möglichkeit mit gleichem Zeitaufwand doppelt so viele Menschen kennenzulernen.
  3. Steuern Sie nun lächelnd auf den nächsten, alleine stehenden Gast zu. Er wird bei einer derart freundlichen Begrüßung wahrscheinlich fragen, ob nicht er Sie schon einmal getroffen hat.
  4. Ihr wichtigstes Equipment ist die Visitenkarte, auf welcher Ihr Name, Ihre Mail- und Webadresse sowie Ihre Telefonnummer stehen – deutlich lesbar, denn niemand möchte zum Entziffern eine Lupe benützen müssen. Wenn Sie aus beruflichen Gründen Ihrem Gegenüber optisch in Erinnerung bleiben wollen, darf auch ein professionell fotografiertes Portrait die Karte schmücken, dieses aufgrund der Wiedererkennung möglichst aus den letzten Jahren.
  5. Hat Ihr vis-à-vis keine Visitenkarte bei sich, handelt es sich entweder um einen sehr prominenten Menschen oder jemanden, der die Ihnen wichtigen gesellschaftlichen Umgangsformen nicht kennt. Mit beiden sollten Sie sich nicht allzu lange aufhalten, der Erste wird wahrscheinlich an Ihnen kein großes Interesse haben und der Zweite Ihnen vermutlich nicht nützen.
  6. Halten Sie es wie die Amerikaner, die Meister des Small Talks sind, und klären Sie, auch um keine wertvolle Zeit zu verlieren, nun schnellst möglichst Herkunft, Beruf und Grund der Anwesenheit Ihres Gesprächspartners ab. Die Frage nach der Höhe seines Einkommens können Sie allerdings nur in Amerika stellen.
  7. Lästern Sie in Salzburg auf keinen Fall über die eben stattgefundenen Opern- oder Theater-Aufführungen, es sei denn, Sie haben nach dem morgendlichen Zeitungsstudium die Meinung der arrivierten Kritiker übernommen.
  8. Seien Sie charmant und verteilen Sie jede Menge Lob. Optimisten und großzügige Menschen ziehen andere an. Flirten Sie jedoch nie, irgendwo im Raum kann der Partner/ die Partnerin Ihres Gegenübers ebenfalls auf »Kontaktsuche« sein und unvermittelt bei Ihnen auftauchen.
  9. Mokieren Sie sich nicht über Anwesende, wenn auch deren Benehmen eigenartig, die Kleidung verrückt, der Schmuck falsch und das Äußere durch zahlreiche Schönheitsoperationen entstellt ist, es könnte sich um nahe Bekannte Ihres vis-à-vis handeln.
  10. Erzählen Sie nicht zu viel über sich und Ihre Erfolge. Sind diese sehr groß, wird man Sie unter Umständen als Großmaul betrachten. Untertreiben Sie, verliert das Gegenüber an Ihnen das Interesse.
  11. Beschränken Sie das Gespräch mit einem neuen Gesprächspartner auf eine bestimmte Zeit, vermeiden Sie es aber, dabei auf die Stoppuhr zu blicken.
  12. Archivierung: Sortieren Sie möglichst am gleiche Tag die »erbeuteten« Visitenkarten und vermerken Sie darauf den Anlass Ihrer Begegnung.
  13. Nachbearbeitung: Auch mit der größten Adressenkartei kann man sehr einsam bleiben. Halten Sie daher regelmäßig den Kontakt zu jenen Menschen aufrecht, die Ihnen wichtig erscheinen, auch wenn es nur Glückwünsche zum Jahreswechsel sind.
  14. Und der Rest? Manchmal ergibt sich im Leben eine zweite Chance, einmal werden Sie sich schon wieder über den Weg laufen – in irgendeiner Galerie, im Museum, bei einer Weinverkostung, einer Autorenlesung oder…
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