Der Schriftsteller Peter Simon Altmann hat ein Buch über Salzburger Orte in der Welt-literatur geschrieben. Neben Wohlbekanntem wie Hellbrunn (Georg Trakl) und Paschinger Schlössl (Stefan Zweig), findet sich darin auch viel Unerwartetes.

Ungefähr ein Jahr vor seinem Selbstmord macht ein gequälter Klaus Mann im April 1948 Station im Münchnerhof, der damals in Sachen Hotellerie und Gastronomie noch eine der ersten Adressen der Stadt war. Schon 1960 wurde der Münchnerhof aufgrund finanzieller Schwierigkeiten seines damaligen Eigentümers in ein Bürohaus umgewandelt. Heute praktizieren in der Dreifaltigkeitsgasse Nr. 3 vor allem Psychotherapeuten und Steuerberater. In der öffentlich zugänglichen ehemaligen Lobby mit beeindruckendem Stiegenhaus, Glasdach und majestätischem Kristallluster lässt sich der Glanz vergangener Tage noch immer erahnen. »Drinnen im Foyer«, schreibt Peter S. Altmann, »schwingt noch immer das Pendel einer Standuhr nach der Zeit, die zu jeder Viertelstunde durch Gongschläge verlautet wird und die verwaiste Lobby durchschallt.« Ein wenig schwingt dabei auch die Todessehnsucht mit, die Mann damals wohl empfunden haben muss, als er sich im Sanatorium Wehrle seine wegen wiederholter Injektionen entzündeten Beine begutachten ließ. Ein gutes Jahr später hat sich der latente Todeswunsch erfüllt. Mann starb an einer Überdosis Schlaftabletten.

Für den deutschen Schriftsteller und Dandy Oscar A.H. Schmitz war Salzburg eine Art Ruhepol und Ort der Besinnung. 1916 verlegte der rastlose Weltenbummler und Don Juan seinen Wohnort vom hektischen Berlin ins beschauliche Salzburg. Während der Wintermonate 1918/19 fand er im Hotel Bristol ein für sich geeignetes Refugium, in dem sich neben ihm zahlreiche andere illustre Überlebende des Weltkrieges tummelten.
Schmitz war Erotomane und Neurotiker. Sein Fall, schreibt Altmann, reihe sich in die typische Identitätsproblematik ein, die speziell Intellektuelle mit jüdischen Wurzeln im Fin de Siècle befallen hatte. Ein uneigentliches Lebensgefühl plagte ihn. Kurzum: Er war auf der Ich-Suche. Oft war er auch auf der Suche nach flüchtigen sexuellen Abenteuern. Man kann sich gut vorstellen, wie er durch die Salzburger Steingasse streunte und danach spätnachts im Bristol über den knarrenden Holzboden schlich, um die anderen Hotelgäste nicht zu wecken. »Noch heute ist das Bristol eine Welt für sich«, schreibt Altmann. Am augenscheinlichsten wird das wohl im mondänen Frühstückssaal mit seinen Kristalllustern, in dem sich wie nirgends sonst in Salzburg der elegante Charme einer untergegangenen Welt entfaltet.

Mirjams Pub diente mehreren Büchern Peter Handkes als Schauplatz, in einem aber wird es namentlich erwähnt. Handke suchte dort oft vor den Bedrängnissen des schriftstellerischen Alltags Zuflucht. Er habe sich dort vielleicht deshalb so wohl gefühlt, mutmaßt Altmann, weil der Ort so gar nichts mit Literatur zu tun hat. Klingt plausibel. Trinken, um die Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen, und eine Art Antithese zum in die Welt strebenden Schaffen zu bilden… Noch heute dient das Beisl in der Schallmooser Hauptstraße vielen Nachtschwärmern als Hang-out. Im Lokal selbst hing lange Zeit ein Ausdruck des Essays, den Altmann über das Lokal als literarischen Schauplatz geschrieben hat. Irgendwann fiel er angeblich einer Auseinandersetzung zum Opfer. In Altmanns Essay wird Mirjams Pub als das beschrieben, was es ist: Ein Lokal für Trinker. Das hat einigen Stammgästen nicht gefallen, einer hat Altmann sogar gedroht. Anders Handke: Mit einer Postkarte bedankte er sich für die Zusendung des Buches und schrieb, er habe kein Problem damit, auch mit dem Titel »Peter Handke und der Alkohol« nicht. Schließlich habe er nicht nur hier, sondern auch an anderen Orten getrunken, im Lehener Stüberl, im Tennisstüberl Gneis und im Junior Maxglan etwa.

Wie Erleuchtungen hätten ihn die Ideen zu seinen Büchern stets überfallen, schrieb der Literaturnobelpreisträger José Samarago einmal. Man denke nur an die Stadt der Blinden: Die Idee dazu war ihm in einem Restaurant gekommen, als er auf das Essen wartete und sich die Frage stellte, was wohl wäre, wenn wir alle blind wären. Auch beim Essen, dieses Mal aber in Salzburg, kam ihm die Idee zu seinem letzten Buch »Die Reise des Elefanten«. Eine befreundete Portugiesisch-Lektorin hatte ihn zum Abendessen in das Restaurant »Der Elefant« eingeladen. Die Holzschnitzereien, die man schon von außen durch die Glasscheiben der Fenster sehen kann, und die die Reise des Elefanten Soliman von Lissabon über die Alpen nach Wien darstellen, inspirierten ihn. Der Elefant war ein Geschenk von Isabella von Portugal an den späteren Kaiser Maximilian. Als der Dickhäuter im Winter 1551/52 samt Entourage von Valladolid nach Wien wanderte, war das eine Sensation. Der damalige Hausbesitzer des heutigen Hotels und Restaurants »Elefant« war auf der Route durch Bayern mit von der Partie. Ohne Samaragos Besuch in Salzburg wäre besagtes Buch nie entstanden. Die Geschichte zeigt, dass man Inspiration meistens dann findet, wenn man gerade nicht nach ihr sucht. Zufällig. Beim gemütlichen Abendessen in einem Salzburger Innenstadtlokal beispielsweise.

 

Peter Simon Altmann:
Salzburger Orte der Weltliteratur
In zwölf Essays besucht der Salzburger Autor Orte unserer Stadt, die für Literaten von Weltrang eine Rolle spielten. Orte, die es noch gibt, oder untergegangene Orte wie etwa den Ganshof in Maxglan. Das Gasthaus diente Thomas Bernhard als Schauplatz seines Romans »Der Untergeher«, und der Meister selbst soll dort des Öfteren auf einen Schweinebraten mit Bier vorbeigeschaut haben. Doch leider wurde der Gastbetrieb bereits 2013 eingestellt. Wer mehr über diese und andere Orte, an denen namhafte Schriftsteller inspirierende Erlebnisse hatten, erfahren will, sollte unbedingt Altmanns Buch lesen.[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row]

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