2012 gab Mauro Peter bei den Salzburger Festspielen sein Debut. Seitdem hat sich der Schweizer Tenor in den großen Häusern in Wien, Zürich, Berlin und Mailand etabliert und ist in Salzburg zum Dauergast geworden. Heuer singt er den Tamino. Ein Gespräch über Gelassenheit und Adrenalin.

✦ Erinnern Sie sich noch an Ihr Debut im Rahmen des Young Singers Project in Salzburg?
Natürlich. Wenn man als Jungspund von sechsundzwanzig Jahren plötzlich mit Ivor Bolton zusammenarbeiten kann, ist das schon sehr besonders. Ich habe da sehr viel gelernt, aber es war auch eine harte Schule. Diese zwei Monate waren sehr intensiv. Seither fühle ich mich sehr wohl in Salzburg, und es freut mich wahnsinnig, dass ich immer wieder hierher zurückkommen kann.

✦ Wenn Sie den Mauro Peter von 2012 mit dem von heute vergleichen, inwiefern hat er sich verbessert, weiterentwickelt? Und: Fühlt es sich anders an, heute in Salzburg zu singen als damals?
(lacht) Ich hoffe doch sehr, dass ich mich zumindest stimmlich verbessert habe. Damals war ich, wenn ich ehrlich bin, schon noch nah dran am jungen, frischgebackenen Studenten. Heute bin ich zwar immer noch jung und wissbegierig und am Anfang meiner Entwicklung, aber es hat sich doch eine gewisse Erfahrung eingestellt. Was sich noch geändert hat ist die Erwartungshaltung: Wenn man in Salzburg den Tamino singt, wird etwas von einem erwartet und das ist auch gut so.

✦ Das heißt, der Druck wird größer?
Auf jeden Fall, aber das liegt in der Natur der Sache. Hier den Tamino bei einer Premiere zu singen ist für einen lyrischen Tenor wie mich schon etwas Besonderes. Etwas Großes. Wenn einem diese Ehre zuteil wird, muss man auch liefern.

✦ Sie singen gerade den Tamino in Mannheim, d.h. Sie wärmen sich dort schon einmal für Salzburg auf. Kann man da von der einen in die andere Inszenierung etwas mitnehmen oder fängt man bei null an?
Man fängt schon bei null an. Aber ich kenne Lydia Steier gut – an der Theaterakademie haben wir mal zusammengearbeitet und ich habe zuletzt ihren Rake´s Progress in Basel gesehen – und freue mich, mit ihr gemeinsam bei null anzufangen. Vorher bei der Mannheimer »Zauberflöte« ins kalte Wasser geschmissen zu werden (Peter absolviert dort einen Gala-Auftritt mit nur zwei Tagen Probe) ist ein super Startschuss. Ich freue mich auf das Adrenalin.

✦ Als Gesellschaftsentwurf zwischen Revolution und Restauration wird die »Zauberflöte« oft gesehen. Hat das Stück denken Sie immer noch eine politische Dimension?
Ich bin immer vorsichtig, wenn ich als Teil, der für den Tamino zuständig ist, allgemeingültige Interpretationen abgeben soll, aber ich denke, dass man »die Zauberflöte« sehr vielfältig interpretieren kann und der politische Aspekt einer ist, der sich jedenfalls lohnt, näher betrachtet zu werden. Gerade wenn es um Männergesellschaften und deren Exklusivität geht. Ich bin froh, dass es Leute gibt, die Regie führen und das große Ganze im Auge haben, damit ich mich voll und ganz auf die Figur und ihre Entwicklung konzentrieren kann.

✦ Wie sehen Sie Taminos Entwicklung?
Vereinfacht gesagt entwickelt er sich im Verlauf seines Weges vom naiven Burschen, der alles glaubt, was ihm gesagt wird, und die Welt genau in Schwarz und Weiß einteilt, zu jemandem, der versteht, dass es doch ein bisschen komplizierter ist, und es viele verschiedene Wahrheiten geben kann.

✦ Was bedeutet Ihnen Mozart?
Das ist etwas sehr Inniges, stark mit mir Verbundenes. Mich fasziniert die unglaubliche Schlichtheit und wie man mit dieser Schlichtheit etwas derart Himmlisches entstehen lassen kann. Mit den simpelsten Melodien öffnet einem Mozart einen Horizont, der unfassbar schön ist. Manchmal bin ich hinter der Bühne schon vom Zuhören ergriffen. Wenn die Pamina »Ach, ich fühl’s…« singt etwa. Manchmal bin ich regelrecht überwältigt von der Musikalität und der hohen Kunst, die gleichzeitig immer voller Emotionen ist.

✦ Sie pflegen auch das Lied, nicht nur bei der Schubertiade, aber auch dort. Warum ist Ihnen das Lied so wichtig?
Weil es eine Kunstform ist, die schön und direkt sein kann. Man hat beim Lied auch die Möglichkeit, etwas von sich selbst, von seiner eigenen Emotionalität zu zeigen. Echt und ehrlich. Da ist der direkte Austausch zwischen Musizierenden und Publikum enorm intensiv, und das ist etwas, was ich sehr genieße. Das muss man sich natürlich auch trauen.

✦ Sie seien beruflich »in der Königsklasse« angekommen, hab ich neulich gelesen. Wie leicht oder schwer ist es, sich bei all der Professionalisierung das nötige Maß an Gelassenheit zu bewahren?
Das ist zugegeben nicht ganz einfach. Bei uns Klassikern und ganz besonders bei Mozart darf es ja nie nach Arbeit aussehen. Es muss immer klingen als wäre das das Natürlichste der Welt. Alle, die es machen, wissen aber, dass es bei Weitem nicht so einfach ist, wie es klingen soll. Aber ich bin eine Frohnatur. Wenn es schwierige Momente gibt, dann kann man sich denen schon hingeben, muss aber darauf achten, dass die Leichtigkeit wieder zurückkommt. So blöd das auch klingen mag: Ab und zu muss man sich die Leichtigkeit auch erarbeiten. Man muss auch genießen können. Es wäre zum Beispiel undenkbar, aus Salzburg abreisen zu müssen und nicht einmal ein schönes Glas Wein getrunken zu haben. Oft macht man sich selber zu viel Druck. Das ist wie im Fußball: Einen Elfmeter zu verschießen kann tragisch sein, aber lebensbedrohlich ist es nicht.

✦ Wie weit kommt die Schweiz bei der WM?
Das Achtelfinale zu erreichen und das zu gewinnen, wäre schön.

✦ Vielen Dank für das Gespräch.

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