Lydia Steier gilt als eine der besten Opernregisseurinnen der jungen Generation. Bei den Salzburger Festspielen wird die US-Amerikanerin mit österreichischen Wurzeln heuer Mozarts »Zauberflöte« inszenieren. Mit vision.salzburg sprach sie über gebrochene Herzen, eine einsame Kindheit und warum sie ein »totally addicted Mozart Freak« ist.

✦ Sie haben im Vorfeld gesagt, bei der »Zauberflöte« gäbe es diese beiden großen Themen: Die kindliche Unbekümmertheit, das Märchenhafte hier, das Erwachsenenthema, die Initiation da. Es komme darauf an, wie eine Regisseurin diese beiden Komplexe miteinander verbinde. Wie kann das gehen?
Das ist die Kunst der ganzen Geschichte. Ich denke, man muss einen Weg finden, beide Seiten unbeschwert zu sehen. Gerade das Freimaurerische, das Mystische nicht auf eine didaktische Art und Weise zu präsentieren, ist dabei eine echte Herausforderung. Vielfach wird in den Inszenierungen auch auf das Kindlich-Märchenhafte gepocht, indem man es durch das gesamte Stück laufen lässt, obwohl in der zweiten Hälfte eigentlich die harte Lehre dominiert. Die richtige Balance versuche ich durch eine Rahmenhandlung zu erzielen. Wir erleben die ganze Geschichte aus der Sicht der drei Knaben. Wir sehen alles durch ihre Augen. Der Großvater hat ein Buch mitgebracht: Ein Gute-Nacht-Märchen, das »Die Zauberflöte« heißt. Und er beginnt zu lesen. Was wir zu sehen bekommen ist das, was die Kinder sich vorstellen.

✦ Wie kamen Sie auf diese Idee?
Intendant Markus Hinterhäuser trat mit der ganz klaren Bitte an mich heran, er wolle eine »Zauberflöte« für Kinder und Erwachsene haben. Ich sah diese Gratwanderung von Anfang an als tolle Herausforderung. Inspiriert hat mich letztlich der Film »The Princess Bride« (Die Braut des Prinzen) mit Peter Falk. Da hütet der Großvater seinen Enkelsohn, der die ganze Zeit Videospiele spielt. Schließlich erzählt ihm der Großvater eine Geschichte. Zunächst rollt der Junge mit den Augen, dann aber wird er von der Geschichte völlig gefangen genommen und mit ihm der Zuschauer. Da dachte ich, dass das vielleicht auch mit der »Zauberflöte« funktionieren könnte. Ob solch ein Rahmen gelingen kann, hängt freilich stark von der Qualität des Erzählers ab. Dass wir Bruno Ganz für diese Idee gewinnen konnten, ist natürlich großes Glück.

✦ Die erste Szene spielt in Wien Anfang des 20. Jahrhunderts. Das war eine Zeit, für die Österreich immer noch sehr berühmt ist. Schnitzler, Mahler, Freud, Psychoanalyse und große Symphonie. Was veranlasste Sie, gerade diese Epoche für den Rahmen zu wählen?
Wien war die Hauptstadt der Moderne und zugleich ein Ort der Tradition. Wenn wir die Jahre bis 1914 betrachten, bis zum Zusammenbruch der sogenannten Alten Welt in Europa, gibt es einige Parallelen: Die zunehmende Diskrepanz zwischen Reich und Arm beispielsweise oder eine gesellschaftliche Stimmung, die von einer gewissen Naivität gegenüber den politischen Entwicklungen geprägt war. Viele Menschen meiner Generation haben auch nie Krieg erlebt, was sie in einem gewissen Sinne arglos macht.

✦ Sie meinen, weil man glaubt, nichts dafür tun zu müssen, damit es so bleibt wie es ist?
Genau. Der Status quo wird als gegeben und unveränderbar wahrgenommen. Das glaubten die Leute nicht nur bis kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, sondern auch in der Entstehungszeit der »Zauberflöte« (1791). Da las man Leibniz und dachte, der Mensch sei hauptsächlich gut und löse seine Probleme schon. Und dann kollabierten auch hier Allianzen, die eben noch unerschütterlich erschienen. Ich nutze als Regisseurin auch oft einen historischen Filter, weil ich das Gefühl habe, durch eine leichte Verfremdung dem Kern der Geschichte näherzukommen.

✦ Gibt Ihnen der Rückblick auf dieses versunkene Österreich auch die Möglichkeit, die eigene Familiengeschichte mit zu erzählen? Ihre Großeltern mussten 1938 aus Österreich emigrieren.
Durch meine Familie habe ich schon nostalgische Gefühle für dieses Wien der Jahrhundertwende, das so nicht mehr existiert, ja. Wenn mein Großvater über die Zeiten erzählte, als er noch mit Franz Lehár frühstückte, war das in der Tat für mich märchenhaft und auch abenteuerlich.

✦ Aber neben der Nostalgie muss doch bei Ihrem Großvater auch eine gewisse Bitterkeit mitgeschwungen haben, die das Österreichbild eintrübte?
Weniger Bitterkeit als ein gebrochenes Herz, von diesem Ort, an dem er zu Hause war, vertrieben worden zu sein. Und eine große Verwirrung darüber, dass man für das, was man ist, grundlos gehasst werden kann.

✦ Wie erleben Sie Wien heute?
Einerseits als eine Stadt, die diesen nostalgischen Moment wie in Eis gefroren kultivieren will. Andererseits habe ich Wien als eine ganz, ganz offene Stadt erlebt. Meine erste Erfahrung als Erwachsener in Wien waren die Aufführungen von Barrie Kosky, als er noch das Schauspielhaus in Wien leitete und Stücke produzierte, die sehr jüdisch waren und das Jüdischsein auch sehr vordergründig verhandelten. Zu sehen wie gut das ankam, tat gut und war sehr heilsam.

✦ Es gibt dieses wunderschöne Zitat von Patricia Kopatchinskaja, die mal gesagt hat: »Stell’ den Mozart heute auf die Bühne, in der Weltsicht Deiner Seele.« Was, denken Sie, kann Mozart oder eine Oper wie die »Zauberflöte« uns heute noch bedeuten?
Es ist der unbeschwerte Zugang zu Emotionen. Wenn man einfach still ist und zuhört, dann ist man bei Mozart wieder Kind. Dafür braucht man gar nicht extra »kindlich« zu inszenieren. Das Wunder funktioniert auch so. Man sitzt da, wird unterhalten und ist glücklich wie ein Kind. Die Herausforderung ist, das nicht zu verfehlen.

✦ Sie kamen sehr früh mit klassischer Musik in Kontakt. Stimmt das?
Ja, meine Großmutter war klassische Pianistin. Mit sechs habe ich dann »Amadeus« gesehen und war wie besessen von diesem Film. Ich könnte ihn heute noch auswendig von Anfang bis Ende rezitieren. Damals begann ich, die musikalischen Nummern am Klavier zu üben, selbst die eine, die Mozart im Film rückwärts spielt.

✦ Was hat Sie so fasziniert an dem Film?
In erster Linie natürlich die Musik, in zweiter Linie aber auch die Geschichte: Da war diese höfische Clique, der Salieri, van Swieten, Bonno und Orsini-Rosenberg angehörten, und dann gab es da diesen Außenseiter, der besser und talentierter war als besagter Männerbund.

✦ Mozart hat einmal an seinen Vater geschrieben, dass er eigentlich den ganzen Tag mit Musik verbringe, dass er »in der Musik stecke«. Bei Ihnen scheint das eine ähnlich intensive Beziehung gewesen zu sein.
Ja, ich war ein »totally addicted Freak«. Man musste mir den Amadeus-Soundtrack vier Mal schenken, weil ich die CDs regelrecht kaputt gespielt hatte. Während die anderen draußen Fußball spielten oder cool wurden, dirigierte ich stundenlang in meinem Zimmer und war glücklich in meiner einsamen Verrücktheit.

✦ Mozart, sagten Sie einmal, sei in dieser Phase, wie ein »Imaginery Friend« gewesen. Wie kann man sich das vorstellen? So wie in dem Film »Mein Freund Harvey«?
(lacht) So ähnlich, ja. Der Mozart in meinem Hirn sah allerdings weniger wie ein Hase, sondern mehr wie Tom Hulce in »Amadeus« aus. Wir sprachen miteinander, unternahmen gemeinsam Spaziergänge. Es war eine sehr einsame Kindheit…

✦ »Mozart kennt keine Angst« hat Adorno einmal gesagt. Hatten Sie, seitdem Sie den Auftrag angenommen haben, irgendwann mal Angst, dass das nichts werden könnte mit Ihrer Version der »Zauberflöte«?
Ich war und bin Feuer und Flamme, habe viel investiert in dieses Konzept. Ich finde es phantastisch und liebe es. Ich glaube, es ist wirklich eine sehr neue, sehr wunderbare Sichtweise auf das Stück. Was natürlich ab und zu mal nervös macht, ist wie ausgestellt man in Salzburg ist. Aber so ist es halt, wenn man hier Mozart inszeniert. Aber natürlich bin ich nicht Neuenfels oder Sellars. Ich bin nicht seit Jahrzehnten auf diesen Bühnen unterwegs.

✦ Gehen wir noch einmal zu Tamino und Papageno zurück: Der eine möchte die hohen Weihen erhalten, der andere ist eher dem Leben zugewandt und feiert gerne. Verkörpern diese Gegensätze auch ein wenig die zwei Seelen, die in Mozarts Brust schlummerten?
Es ist sehr interessant, wie stimmig Papageno in seiner einfachen, dem Leben zugewandten Art gezeichnet ist. Tamino wirkt dagegen oft etwas scherenschnittartig und hölzern. Mozart hat sich wahrscheinlich viel stärker mit Papageno identifiziert, der in seiner Vulgarität und seinem Bestreben, das Leben immer so direkt und voll wie möglich zu spüren, seine eigenen hohen Weihen bereits gefunden hat.

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