»Die Beste aller Welten« ist die autobiografische Geschichte der Liebe eines jungen zu seiner suchtkranken Mutter, und zugleich der erfolgreichste Film, der jemals im Salzburger »Das Kino« lief. Regisseur Adrian Goiginger über verschlossene Türen und wahnsinnige Hobbies.

✦ Viele Biographien sind eine nostalgische Rückschau. Bei Ihrer gibt es zwar auch alte Fotografien und Tagebucheinträge zu sehen, aber das Buch ist insgesamt doch sehr nüchtern, schonungslos und zukunftsorientiert. War das eine bewusste Entscheidung?
Ja, das war eine ganz bewusste Entscheidung. Ich wollte nach den Schicksalsschlägen der letzten beiden Jahre anfänglich fast nicht mehr weiterschreiben, weil ich die Befürchtung hatte, es könnte möglicherweise eine zu bedrückende Lektüre werden. Doch dann wurde mir erneut bewusst, dass das Buch auch eine Chance für mich ist. Nicht nur, um das Geschehene zu verarbeiten.

✦ Das Aufschreiben Ihrer Erinnerungen habe Sie verändert, schreiben Sie. Inwiefern? Wird man gegenüber dem Geschehenen, wenn es einmal schwarz-weiß vor einem steht und man es noch einmal durchlebt, auch sich selbst gegenüber milder?
Ich habe beim Aufschreiben vieler schmerzlicher Dinge einerseits gelernt loszulassen, aber auch die guten und schönen Seiten entdeckt. In gewisser Weise habe ich den Frieden mit mir und meiner Vergangenheit gemacht. Ich wusste schon bevor ich zu schreiben anfing, rein abstrakt, dass ich vieles erledigt und überwunden hatte. Wie zum Beispiel meine depressive Phase in meiner Jugend. Aber durch das Hinschreiben hab’ ich es nochmals auf heilsame Weise gefühlt.

✦ Sie haben sechs Selbstmordversuche verübt und erzählen in aller Offenheit davon. Schließlich sei das ein Teil Ihres Lebens, den Sie nicht verleugnen wollen, schreiben Sie. Das klingt einfacher, als diese Entscheidung wohl gewesen sein muss. Wie lange mussten Sie dafür mit sich ringen? Und: Hat Sie jemand bei dieser Entscheidung unterstützt?
Ich hatte ja schon vor einigen Jahren offen über meine dunkle Phase gesprochen, in der Hoffnung anderen vielleicht zu helfen, die sich in einer ähnlich ausweglosen Situation befinden. Ich wollte ihnen zeigen, dass man sich überleben kann und auch gestärkt aus diesem schwarzen Loch herauskommen kann. Die vielen Reaktionen, die ich damals erhalten habe, zeigten mir, dass es richtig war, offen darüber zu reden. Ich habe diese Entscheidung ohne großes Ringen und für mich alleine getroffen.

✦ Sie beschreiben Schauspiel als Möglichkeit, dem eigenen Ich zu entkommen. Gab Ihnen die Schauspielerei den Halt, den Sie im Leben vermissten, indem Sie sich »an den Figuren anhielten«, wie Sie das einmal so schön beschreiben?
Ja. Ich konnte durch das Verkörpern anderer Charaktere vie- les über andere und auch schwierige Schicksale lernen und durchleben, und so verloren meine eigenen Umstände an Grausamkeit. Im Gegenteil, meine Erfahrungen mit mir machten mein Spiel reicher. So lernte ich, dass mich meine Schwächen im Leben stark für meinen Beruf machten.

✦ Wie fühlt sich die Rückkehr ins eigene Leben nach dem Ende des Applauses an?
Man kehrt genährt und gestärkt zurück, sehnt sich aber auch doppelt und dreifach nach der nächsten Vorstellung.

✦ In einer Episode beschreiben Sie Ihre Leidenschaft und Hingabe fürs Theater anhand Ihrer Abneigung gegen jede Art von Ablenkung. Es hat Sie immer geärgert, wenn Sie Leute, die gerade nicht auf der Bühne waren, teilnahmslos erlebten, weil das Besondere nur aus einer kollektiven Energie »und nur dann entstehen kann, wenn alle daran glauben und auch tatkräftig daran mithelfen«. Hat dieser Idealismus über all die Jahre, in denen Sie auf der Bühne oder vor der Kamera wirkten, gelitten oder ist er ungebrochen?
Ich bin bis heute der Meinung, dass reiche Theatererlebnisse für die Agierenden wie auch für das Publikum nur dann entstehen, wenn dieser Geist über dem Abend schwebt. Aber ich bin mittlerweile milder geworden und lasse auch andere Konzepte gelten.

✦ Als Rollen bevorzugen Sie »die wahrhaftigen Charaktere, die jenseits der Fiktion von Sauberkeit, Perfektion und einem bruchlos gelungenen Leben angesiedelt sind«. Wird das Auffinden solcher Rollen nicht zunehmend schwerer, wenn sogar im Tatort aus neuer Korrektheit nicht mehr geraucht und auch kein Bier getrunken werden darf?
Gute Stoffe waren immer schon rar und schillernde Charaktere, besonders für Frauen, ebenso. Aber die Lust am Geschichtenerzählen ist groß, und so suche ich mit großer Zuversicht weiter.

✦ Für wen haben Sie »Die beste aller Welten« gemacht?
Für meine Mutter, das Publikum und die Abhängigen. Niemand interessiert sich für Junkies in Liefering. Deshalb musste genau diesen Film auch jemand machen, dessen Eltern Junkies in Liefering waren. Ich hab ́ die Geschichte immer mit mir herumgetragen. Wenn man so will, hab’ ich die ersten acht Jahre meines Lebens recherchiert, ohne es zu wissen. Als meine Mutter dann 2012 gestorben ist, kam der Punkt, an dem ich kapiert habe, was für eine unfassbare Leistung das von ihr war. Sie war physisch und psychisch ja schwer abhängig, hat sich fünf Mal am Tag Heroin gespritzt, der ganze Alltag war auf die Droge ausgerichtet. Trotzdem hat sie es geschafft, mir eine tolle Kindheit zu ermöglichen. Ich wollte, dass man erkennt, dass es in diesem Milieu auch Liebe gegeben hat. Meine Mutter und mein Vater können auch Vorbilder sein, weil wenn die es geschafft haben, kann es jeder schaffen.

✦ War Ihnen als Kind überhaupt bewusst, dass Ihre Eltern Junkies waren?
Nein, überhaupt nicht. Das Faszinierende ist, dass du als Kind die Welt, in der du lebst, als normal empfindest, egal wie abgedreht sie in Wahrheit ist. Ich habe das alles erst im Nachhinein gecheckt, als ich zehn, elf Jahre war und meine Eltern längst clean waren. Die verschlossene Schlafzimmertür war das Symbol meiner Kindheit. Wenn die Tür wieder aufgeht, sind alle wieder ruhig und entspannt. Eine Spritze hab ́ ich nur beim Arzt gesehen. Für mich war es auch normal, dass man während des Essens einschläft. Ich dachte, Erwachsene haben es so anstrengend, dass sie beim Essen hin und wie- der rasten müssen.

✦ Eine Schauspielerin zu finden, die dem Bild der eigenen Mutter entspricht, stelle ich mir sehr schwierig vor. Wie sind sie auf Verena Altenberger gestoßen?
Ich wollte neue Gesichter. Leute, die man noch nicht kennt. Denn seien wir uns ehrlich: In jedem erfolgreichen österreichischen Film sieht man die gleichen zehn Gesichter. Bis wir Jeremy hatten, haben wir 200 Kinder gecastet. Das ist die Regel. Bei der Verena war das ungewöhnlich: Es gibt eine Datenbank, in der alle Schauspieler gelistet sind. Ich hab ́ eingegeben: Aus Salzburg, Mitte 20. Go. Alphabetisch war sie die erste, und das hat sich gleich als Schicksal herausgestellt. Keine andere hätte das auch nur annähernd so gut machen können wie sie. Ich wurde schon oft gefragt, ob das im Film Schauspieler oder echte Junkies waren. Ein riesiges Kompli- ment. Genau das wollte ich erreichen.

✦ Haben Sie die im Film sehr eindringlich geschilderten Albträume tatsächlich gehabt?
Ja, ich glaube, das war mein Ventil, die Sachen zu verarbeiten. Vor allem die Verlustängste. Ich hatte wahnsinnige Angst, dass meiner Mutter was passiert. In Wirklichkeit war sie ja fünf Mal am Tag, wenn sie sich das gestreckte und gepanschte Zeug injiziert hat, in Lebensgefahr. Wenn meine Mutter sagte, sie kommt um sechs nach Hause und sie war um fünf nach sechs noch nicht da, hatte ich schlimmste Visionen. Damals dachte ich, das wäre normal. Als meine Eltern clean wurden, war das dann auch mit einem Schlag weg.

✦ Haben Sie mit dem gewaltigen Erfolg in irgendeiner Form gerechnet?
Nicht in dieser Dimension. Ich hab ́ schon gewusst, dass die Schauspieler richtig gut waren und mir deshalb für kleinere Filmfestivals was ausgerechnet. Aber dass der Film beim Publikum so ankommt habe ich mir nicht gedacht. Aber Erfolg ist auch relativ. Für mich ist der größte Erfolg, wenn auch nur einer wegen dieses Filmes mit der Sucht aufhört. Nach einer Veranstaltung hat mich eine Frau angesprochen und mir gesagt, dass durch den Film ihr Sohn von den Drogen wegkam. Das war die allerschönste Auszeichnung, auch wenn es kitschig klingt.

✦ Überkommen Sie nicht manchmal Zweifel, das gewaltige Niveau dieses Films mit dem nächsten halten zu können?
Überhaupt nicht, weil ich nicht in Karriere-Steps denke. Das wollen die anderen: Ich soll einen Tatort machen und so weiter. Der Druck wird von außen aufgebaut. Ich mache seit zehn Jahren Filme. Acht Jahre war es ein wahnsinniges Hobby, jetzt plötzlich verdiene ich Geld damit. Aber es ändert für mich nichts daran, wie ich das Filmemachen sehe. Für mich ist das ein Abenteuer. Früher hat es halt keine Sau interessiert, was ich mache, und jetzt fragen alle. Das ist der einzige Unterschied.

✦ Vielen Dank für das Gespräch.

 

Adrian Goiginger (Jahrgang 1991) ist ein österreichischer Filmemacher. Sein Film »Die beste aller Welten« wurde bei der Berlinale mit dem Kompass-Perspektive-Preis ausgezeichnet, gewann den österreichischen und den bayerischen Filmpreis. Er lebt in Salzburg.

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