Salzburger Regisseure gewinnen wichtige Filmpreise, die Stadt Salzburg fungiert als Filmschauplatz zur Prime-Time. Ist Salzburg auf dem Weg zur Filmstadt?

Ausverkauft bis auf den letzten Platz. Sogar Extrastühle müssen beigestellt werden, um dem Ansturm Herr zu werden. Und das, nachdem der Film, der heute Abend im DAS KINO gezeigt wird, bereits ein halbes Jahr läuft. Aber schließlich ist der Regisseur anwesend. Adrian Goiginger heißt er und hat mit einem autobiographischen Film über die Beziehung zu seiner drogenabhängigen Mutter wohl den Überraschungserfolg des Jahres gelandet. Nicht nur der österreichische und der bayerische Filmpreis wurden ihm verliehen, auch das Publikum goutiert seine ehrliche Geschichte über eine Kindheit im Lieferinger Drogenmilieu.

Den gewaltigen Ansturm auf das Lokalkolorit zu reduzieren, wäre allerdings unfair. Dazu ist der Film zu gut. Man spürt in jeder Szene, dass hier jemand nah am Thema dran war, weil er die Geschichte selbst erlebt hat. Und genau deshalb ist »Die beste aller Welten« ein wirklich außergewöhnlicher Film geworden. »Ich habe schon lange keinen so reifen und guten Film mehr gesehen«, schwärmt dann auch Renate Wurm, Geschäftsführerin von DAS KINO, die von Beginn an den Erfolg des Filmes geglaubt hat. »Da stimmt einfach alles. Er ist nicht zu lang nicht zu kurz. Und die Geschichte bewegt einen.« Das sieht das Publikum ähnlich. Seit mehr als einem halben Jahr stürmt es österreichweit die Kinos, um das Salzburger Drogen-Drama hautnah mitzuerleben. »Die beste aller Welten« ist schon jetzt der erfolgreichste Film, der jemals im DAS KINO gelaufen ist.

Goigingers Erfolg ist jedoch bei weitem nicht alles, was Salzburg derzeit filmisch zu bieten hat: Der vom gebürtigen Salzburger Lukas Rinner gedrehte Film »Die Liebhaberin« wurde mit dem Hauptpreis der Diagonale bedacht. Die Lungau rin Ivette Löcker hat mit »Was uns bindet« den Diagonale-Dokumentarfilmpreis gewonnen. Und Bernhard Braunsteins »Atelier d ́conversation« wurde erst neulich mit dem ARTE-Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet.

Doch auch als Filmstadt rückt Salzburg wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit: An einem Samstag im März etwa liefen zur Hauptsendezeit um 20.15 Uhr gleich zwei in Salzburg gedrehte Produktionen parallel: Auf ORF 1 »Die Toten von Salzburg« mit Florian Teichtmeister in der Rolle des an den Rollstuhl gefesselten Kommissars. Auf ARD »Küss die Hand Krüger« – eine deutsche Komödie.

Salzburg als Filmschauplatz? Das ist schon eine Weile her. »Sound of Music« wurde hier gedreht, und auch die Beatles waren mal auf Kurzbesuch hier. Darüber hinaus aber passierte herzlich wenig, außer dass die Festung Hohenwerfen in einem Thriller mit Clint Eastwood als Hauptquartier des deutschen Geheimdienstes fungierte (im Film fiktiv »Schloss Adler« genannt) und Salzburg einer von mehreren Drehorten für Lederhosen-Filme war, worüber man heute lieber schweigt. Dann wurde es still, sehr still. Einzige Ausnahme: »Knight and Day« mit Tom Cruise. Und jetzt das? Salzburg soll plötzlich Filmstadt sein? Skepsis scheint angebracht. Skepsis, erzählt Regisseur Goiginger, wurde anfänglich auch seinem Projekt entgegengebracht. »Klar, bei einem Drogenfilm stellt sich jeder erst mal die Frage, ob das gut für die Außenwirkung einer Stadt ist.« Doch offenbar gelang es, die Zweifel zu zerstreuen, und man habe letztlich sehr gute Unterstützung von Stadt und Land erfahren. Aber, lenkt Goiginger ein: »In Wien sind das schon andere Dimensionen. In Wien kannst du beim Filmfonds auf einen Schlag 500.000 Euro bekommen. In Salzburg musst du schon über wesentlich geringere Summen glücklich sein, weil der gesamte Topf nur eine halbe Million beträgt.« Dennoch sind Wien oder Berlin kein Thema. Er will zunächst einmal in Salzburg bleiben, um an seinem nächsten Drehbuch zu arbeiten – einem Weltkriegs-Epos, in dem sein Großvater eine gewichtige Rolle spielt.

Der durchschlagende Erfolg von Goiginger freut alle, auch Regisseur Chris Weisz, der, ungefähr zwanzig Jahre älter, im Salzburger Land lebt. Wie Goiginger auch könne er überall arbeiten, sagt er, hat sich aber bewusst für Salzburg entschieden, einfach »weil es meine Heimat ist«. Anders als Goiginger hat er sich auf Fernsehen und Serien spezialisiert. Zuletzt liefen von ihm »Herr Ostrowski sucht das Glück« und ein Universum-History-Folge über Salzburg. Beide Regisseure – Goiginger und Weisz – fühlen sich hier wohl. Leider aber werde Film als Business in Salzburg noch nicht so wahrgenommen, wie es sich das mittlerweile verdient hätte, gibt Goiginger zu bedenken. »Da ist definitiv noch Luft nach oben«, stimmen auch Chris Weisz und Renate Wurm zu.

Dennoch gibt es da diesen ungewöhnlichen Erfolg, der, schaut man näher hin, alles andere als Zufall ist. Drei Mal pro Woche etwa, ein halbes Jahr lang, haben sich Filmmutter Verena Altenberger und Filmsohn Jeremy Miliker für den Dreh von »Die beste aller Welten« getroffen, um gemeinsam zu proben, bevor es an den Set ging. Eine Professionalität, die eher an große Perfektionisten des Genres à la Kubrick erinnert als an Kino aus der Provinz. Die Erfolge bestätigen aber auch, dass sich der Förderschwerpunkt der Nachwuchsförderung als der richtige Weg herausgestellt hat. Entsprechend zufrieden ist Martina Greil von der Abteilung Kultur, Bildung und Wissen der Stadt Salzburg. »In der Dichte gab es ähnlichen Erfolg für Filmkunst aus Salzburg noch nie«, sagt sie. »Es hat sich viel getan.« Zugleich aber relativiert sie. Die Förderung der Stadt könne nur ein kleines Mosaiksteinchen in einem großen Bild sein. Ohne das Österreichische Filminstitut lässt sich ein Projekt von der Größe Goigingers nicht realisieren, »da können wir uns auf den Kopf stellen.« Denn: »Wir in der Stadt sind nur die, die beim ersten Schritt helfen.«

Als »First Stop-Shop«, wenn es darum geht, eine Filmförderung zu bekommen, versteht sich die »Filmlocation Salzburg«. Als Standortagentur betreut man nicht nur Hollywood-Produktionen, wenn sie den Weg nach Salzburg finden, erzählt Edith Urban, sondern man verstehe sich als Service- und Beratungseinrichtung und biete als erste Anlaufstelle für alle Filmproduzenten Hilfestellungen und Dienstleistungen aus einer Hand. »Wir unterstützen Filmschaffende bei der Suche nach Locations, vermitteln und unterstützen bei Behördenkontakten«, so Urban.

Nicht vergessen darf man auch, dass sich der Filmstandort Salzburg durch den Zuzug von Red Bull und sein Engagement für Servus TV enorm verändert hat. Fakt ist, dass die Gesamtentwicklung des Bereichs der Produktion von Kino- und Fernsehfilm seit mehreren Jahren durch die Zahlen eines einzelnen Bundeslandes, nämlich Salzburg, geprägt werde, so der Filmbericht. Die Steigerungsraten sind beeindruckend: »Zwischen 2011 und 2015 sind im Bundesland Salzburg in der Produktion von Kino- und Fernsehfilmen die Umsätze um 533 Prozent, die Personalaufwendungen um 1.291 Prozent und die Bruttoinvestitionen um 13.233 Prozent gestiegen.«

Gestiegen, und zwar um 100% sind auch die Besucherzahlen des Mozartkinos seit der Wiedereröffnung, erzählt Geschäftsführer Alexander Krammer. Vielleicht, lacht er, war die vorü- bergehende Schließung 2012 ja so traumatisch, dass sich das Publikum uns so verstärkt zuwendet. Das Revival erinnert ein wenig an die goldenen 1950er-Jahre, als Luis Trenker und Romy Schneider zu den Premieren ihrer Filme kamen. Heute sind es Josef Hader oder Reinhold Bilgeri, die kommen. Der Erfolgsfaktor: Hauptsächlich österreichische Independent-Filme und ausgesuchte Blockbuster. In Zahlen: Ein Film wie Haders »Wilde Maus« spielt mehr als das Doppelte eines immerhin mehrfach oscar-prämierten Blockbusters wie »LalaLand« ein.

Nach dem Abspann seines Filmes im DAS KINO fragt der anwesende Goiginger ins Publikum, wer den Film heute schon zum zweiten oder dritten Mal gesehen habe. Etwa die Hälfte der Anwesenden hebt den Arm. Darunter Jugendliche wie Pensionisten. Bemerkenswert. Noch bemerkenswerter aber ist, dass der Regisseur nach der Diskussion wie ein Rockstar Autogramme geben muss. Hoffentlich hält diese Begeisterung an. Sie ist mehr, als nur eine Chance.

Filmschauplaetze-Salzburg   
Salzburg als märchenhafte Kulisse für schwere Verbrechen: Das Team von »Die Toten in Salzburg« mit den beiden Hauptdarstellern Florian Teichtmeister (vorne links) und Michael Fitz (hinten rechts).

 

Den österreichischen Film aufgebaut

DAS KINO IST MEHR ALS EIN PROGRAMMKINO, ES IST DIE SALZBURGER INSTANZ FÜR CINEASTEN. HEUER FEIERT ES 40-JÄHRIGES JUBILÄUM. GESCHÄFTSFÜHRERIN RENATE WURM ÜBER EIN DASEIN ZWISCHEN SERIEN-KONKURRENZ UND STAMMPUBLIKUM.

✦ Wie schwer ist das Überleben als Programmkino, eingebettet in eine UCI- und Imax-dominierte Welt?

Ach, die 3D-Erlebniskinos sind nicht wirklich Konkurrenz für uns. Ich finde es klasse, dass es noch Kinos gibt, und dass Leute nach wie vor ins Kino gehen, egal welche. Die größte Konkurrenz für uns sind heute die Streaming-Dienste und Serien. Dass alles sofort im Internet verfügbar ist – das wird uns immer mehr treffen. Und auch die Schnelllebigkeit der Filmindustrie macht uns zu schaffen. Früher gab es eine Sperre, wenn ein Hollywoodfilm nach Europa kam. Da war der Film einmal ein Jahr für weitere Dienste gesperrt. Mit der Öffnung dieser »Inkubationszeit« ist die Konkurrenz größer geworden – das betrifft aber alle anderen Kinos auch. Alle werden von einem leichten Schwund begleitet. Aber wir haben ein sehr aktives Stammpublikum, das mit dem Kino mitgewachsen ist.

✦ Kann der Aufschwung des österreichischen Films den Schwund ein wenig auffangen?

Ja. Seit Barbara Alberts Film Nordrand (1994) ist bei uns noch jede Premiere eines österreichischen Films ausverkauft gewesen. Das hat in den letzten Jahren zugenommen. Ich kann mich erinnern, dass einst bei einer Michael-Haneke Retrospektive dreißig Leute waren. Inzwischen ist jeder Haneke-Film gut besucht, und jede Premiere eines österreichischen Films ist ausverkauft. Das ist ein Verdienst nicht nur von uns, sondern aller anderen Lichtspieltheater auch – den österreichischen Film mit aufgebaut zu haben. Von alleine entsteht kein Blockbuster. Wir sind das Kino, in dem drei Viertel dieser österreichischen Filme dann auch laufen – erfolgreich und weniger erfolgreich.

✦ Welche Visionen haben sie?

Wir wollen einen dritten Saal. Noch immer. Und wir werden versuchen, noch mehr Gruppen miteinzubeziehen, um Film und Kunst grenzüberschreitend erlebbar zu machen. Mir schwebt eine Art Medienzentrum vor, ein Kinoraum, in dem man sich Produkte anschauen kann, der gleichzeitig einen Platz für Kunstvideos und dergleichen mehr ist, wo man mehrere Kräfte bündelt und visionär Sachen entwickelt werden. Die Innenstadt bräuchte das. Wenn es uns nicht gäbe, hätten die Gastwirte rundherum deutlich weniger Frequenz. Immerhin sind das 80.000 Besucher, die wir pro Jahr hierher bringen, die aus und ein gehen und das Viertel bewegen.

Das-Kino-Salzburg

 

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