WEIHNACHTEN SEI NICHT HARMLOS, SAGT ERZABT KORBINIAN BIRNBACHER. VISION.SALZBURG VERRIET ER, WIESO ER DIE ZEIT DENNOCH BESONDERS LIEBE UND KEINEN STRESS VERSPÜRE. EIN GE-SPRÄCH ÜBER ANARCHISCHE LIEBE UND TRANSZENDENZ.

» Wie schwer war das Jahr, auf das Sie als Erzabt zurückblicken? Die Renovierungsarbeiten von St. Peter haben Sie, nehme ich an, ganz schön in Atem gehalten.
Einerseits haben wir erst am 25. September mit den Arbeiten begonnen. Andererseits beträgt die Vorlaufzeit dafür fast acht Jahre. Die ersten Ideen gehen weit vor meine Amtszeit zurück, aber ich war trotzdem schon leitend involviert. Anfangs gab es den Plan, die Kirche mit einer moderaten kleinen Sanierung wieder in Schuss zu bringen. Aber es war schnell klar, dass sich das nicht ausgehen wird und wir eine profundere Herangehensweise brauchen, weil sich die vergangenen nicht so sehr mit Statik und Sicherheitstechnik beschäftigt haben. Die Kirche ist das älteste noch stehende Bauwerk unseres Landes. Insofern ist das ein ganz sensibles Feld, auf dem man sich keine Fehler leisten darf.

» Sie haben zu Spenden für die Erhaltungsarbeiten aufgerufen. Wie spendenfreudig waren die Salzburger?
Ganz unterschiedlich. Man ist überrascht, wie großzügig manche Leute sind. Auch Menschen, von denen man es nicht erwarten würde. Aber in Zeiten wie diesen ist es auch zäh. 800.000 Euro fehlen uns noch. Die muss ich noch zusammenbetteln, was mir hoffentlich gelingen wird.

 

» Um mit Klischees aufzuräumen: Warum braucht ein »reiches« Stift Spenden wie diese?
Zum einen überfordert die Summe von 12,6 Millionen auch ein »reiches« Stift bei weitem. Zum anderen geben wir jährlich durchschnittlich 800.000 Euro für die Kulturguterhaltung aus. Würden wir das nicht tun, dann müsste ich nicht sammeln gehen. 12 Mio. € muss man erst einmal erwirtschaften. Kultur steht für sich, sie wirft nichts ab. Im Gegenteil: Sie kostet.

 

» Warum ist sie es dennoch wert, gep egt zu werden?
Kultur ist einzigartig. Ein Wert, den man nicht bemessen kann. Das kulturelle Erbe ist uns – damit meine ich die ganze Gesellschaft – anvertraut. Wir müssen es erhalten, ertüchtigen und fit für die Zukunft machen, damit sich auch künftige Generationen daran erfreuen können. Die Kirche, die heute nicht mehr diese Machtposition hat, die sie vielleicht noch vor hundert Jahren innehatte, muss mit der Zeit gehen, aber das, was das Erbe ausmacht, bewahren und in die Zukunft tragen. Tradition ist wichtig, aber allein ist sie unergiebig, dann wird es starr und lebt nicht mehr. Ich muss ein Gebäude, eine Institution, eine Gesellschaft immer in die Gegenwart hinein befreien.

 

» Was sehen Sie derzeit als die größten Aufgaben, größten Probleme der Kirche an?
Die Kirche ist der älteste Global Player, und die Entwicklungen gehen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten voran. Christ zu sein schaut in Afrika, Asien und Lateinamerika anders aus als in Europa, wo wir immer noch meinen, der Mittelpunkt der Welt zu sein. In der Kirche ist das jedoch schon lange nicht mehr so, und deshalb tun wir uns in vielen Entwicklungen schwer. Papst Franziskus ist einer, der prägnant Dinge auf den Punkt bringen kann. Aber Kirche ist auch langatmig: Wir müssen grundsätzliche Dokumente, sogenannte Enzykliken herausgeben, in denen eine verlässliche katholische Position zu einem Problemfeld vermittelt wird. Wenn das nicht mehr gelesen, geschweige denn verstanden wird, ist das eine große Herausforderung. Und die Kirche be- steht nicht nur aus Heiligen: Da gibt es auch Korruption und Machtmissbrauch.

 

» Papst Franziskus gilt vielen als Erneuerer. Er hat die katholische Kirche Menschen, die sich von ihr schon abgewandt hatten, wieder nähergebracht. Wie stehen Sie zu seinen Positionen und seinem ungewöhnlich offenen Auftreten?
Jede Zeit hat ihren Papst gefunden, so auch die jetzige. Aber der Beamtenapparat ist schwerfällig, und die Kirche denkt – das darf man nicht vergessen – auch ganz grundsätzlich, kennt dieses dogmatische Gebäude, die Lehre. Die heutige Zeit verkürzt viel, aber Kirche und Evangelium sind nicht so einfach, dass man es in einem Tweet zusammenfassen könnte. Man darf nie müde werden, die Leute zu motivieren und ihnen zu vermitteln, worum es letztlich geht: Um uns selber. Das Innerste, was Leben ausmacht – egal, ob ich das Geschenk des christlichen Glaubens habe oder nicht – muss ich trotzdem für mich beantworten.

 

» In seinem 2007 erschienenen Buch »Der Herr ist kein Hirte« forderte der britische Intellektuelle Christopher Hitchens die Befreiung von der »geistigen Sklaverei der Religion«. Für ihn war die Religion unter anderem »gewaltsam, irrational und intolerant«.
Wie sähe eine Welt ohne Religion aus? Religion ist ja der Versuch, Grenzen zu setzen: Der Gewalt und der Intoleranz. Die Kirche als Institution abzuschaffen ginge schnell. Aber was entsteht dann in diesem Vakuum? Das wage ich mir nicht auszumalen. Denn es ist letztlich alles eine Frage der Macht. Und wenn die nicht angenommen und in positive Bahnen gelenkt wird, entsteht ein Vakuum, in dem die schrecklichsten Dinge passieren.

 

» Wie sehen Sie den medial oft heraufbeschworenen Konflikt zwischen christlicher und muslimischer Welt, in dem von gewissen Seiten gerne das »christliche Abendland« bemüht wird?
Dass es selbsternannte, konfessionell nicht gebundene Leute gibt, die das christliche Abendland für sich instrumentalisieren, ist eine der größten Paradoxien unserer Zeit. Da geht es nicht um den Glauben, sondern um das Vorantreiben der eigenen Machtpositionen. Dass Europa sein christliches Gesicht zu verlieren droht, liegt nicht am militanten Islam, sondern am mangelnden Bekenntnis der Christen, die es nicht mehr schaffen, das zu leben, was sie gerne für sich beanspruchen.

 

» Die Menschen hätten noch nie so viel Freizeit gehabt wie heute, aber auch noch nie so viel Leere empfunden wie heute, heißt es oft. Was denken Sie, ist für die Leere, die viele Menschen heute spüren, verantwortlich?
In der guten Absicht, es besser zu haben, wird die Zeit nicht wirklich genutzt, sondern mit Wellness- oder Aktivurlauben vollgepackt, was neuerlich Stress bedeutet. Für das christliche Menschenbild sind Ruhe und Stille etwas ganz Entscheidendes. Da sollte man einfach einmal wertschätzen, nur einmal fünf Minuten still zu sein. Wem das gelingt, der erfährt Lebensqualität. Heute ist es schwierig zu vermitteln, dass nicht alles immer nur dem Höher, Schneller und Mehr verpflichtet ist, sondern weniger tatsächlich mehr ist. Aber ich muss das halt erkennen. Wir sind nicht zuletzt durch aggressive Werbung darauf getrimmt, dass alles so easy aussieht. Aber da hinkt der Mensch mit seiner Seele hinterher, und dann kommt er nicht zu dem, was er will oder braucht.

 

» Laut WHO wird in zehn Jahren etwa ein Drittel der Weltbevölkerung an Burn-out leiden. Was denken Sie, ist für diese Volkskrankheit verantwortlich? Wie kann Glauben helfen, mit Druck umzugehen?
Menschen brennen nicht aus, weil sie zu viel arbeiten, son-dern weil sie keinen Brennstoff mehr haben. Für den muss ich sorgen. Entweder ist es die Stille oder Transzendenz, der Gedanke also, dass es mehr gibt als mich und meine innere Welt. Dass es vielleicht ein Jenseits gibt, einen Gott. Für einen Christen ist es ein großes Geschenk, wenn einem diese Transzendenz in Jesus Christus begegnen kann … in einer Sprache, die wir verstehen.

 

» Klimawandel, Krisen, Kriege. In den Medien präsentiert sich uns täglich aufs Neue eine völlig aus den Fugen geratene Welt. Was sollte uns dennoch zuversichtlich in die Zukunft blicken lassen?
Ich glaube, dass Gott zu seiner Schöpfung steht. Dass wir geborgen sind bei diesem Schöpfer, und dass er uns immer einen Weg aufzeigt. Gehen muss ich ihn dann schon selber. Der Glauben ist und bleibt ein Geschenk, das am ehesten mit der Liebe vergleichbar ist. Liebe ist immer auch anarchisch. Das überwältigt einen wie ein Sonnenuntergang, eine liebende Umarmung.

 

» Trotz aller Erneuerung steht die katholische Kirche dem Thema Homosexualität nach wie vor äußerst reserviert gegenüber. Wieso ist es so schwer, sich zu einer konsistenten Meinung durchzuringen?
Gesetzliche Regelungen, die eine Antidiskriminierung vorantreiben, sind meiner Meinung nach richtig und im Sinne der Kirche. Man muss akzeptieren, dass die Schöpfung auch andere Spielarten hat. Andererseits mögen wir in Europa und Nordamerika vielleicht schon ein wenig weiter sein als Afrika oder Südamerika. Aber so tolerant, wie wir tun, sind wir nicht. Bei diesem Thema erhitzen sich die Gemüter auch, weil es um sehr persönliche Lebensentwürfe geht. Ich kann mit voller Überzeugung sagen, dass kirchliche Vertreter heute zu diesem Thema ganz anders stehen als noch vor wenigen Jahren. Es hat ein Lernprozess stattgefunden. Die Akzeptanz sollte selbstverständlich sein.

 

» Können Sie sich noch an die Weihnacht erinnern, die Sie als kleiner Bub erlebt haben? Inwiefern unterscheidet sie sich von den Weihnachten 2018?
Damals war ich ein Kind, und der erleuchtete Baum, die Geschenke, die Familie und das gemeinsame Musizieren waren eine Wunderwelt. Auch in der Klostergemeinschaft feiern wir im Familienkreis bei Kerzenlicht. Wir singen gemeinsam, aber jeder von uns ist auch beru ich gefordert. Die Pfarrer in den Gottesdiensten, ich selber auch. Heute ist das Weihnachtsfest für mich vor allem das Fest der Menschwerdung. Es ist ein tröstlicher Gedanke, dass dieser große Gott sich entäußert und im kleinen Kind von Bethlehem einer von uns wird, dass er als verletzlicher, gefolterter und zu Tode gebrachter Mensch aufersteht. Ich empfinde zu Weihnachten überhaupt keinen Stress. Das ist eine der schönsten Zeiten. Diese stille Nacht ist das besondere Wunder. In der Stille ereignet sich letztlich das Große. Wir neigen heute dazu zu glauben, es müsste alles spektakulär und aufgedonnert sein. Oft sind es die ganz einfachen Dinge, die Hoffnung geben.

 

» Was wünschen Sie den SalzburgerInnen?
Ich weiß, dass manche genau zu Weihnachten mit der Einsamkeit kämpfen: Nicht nur Obdachlose, Armutsmigranten oder Menschen, deren Lebensentwürfe zerbrochen sind, sondern auch verwitwete, alte und kranke Menschen. Gerade an so einem Abend spürt man das. Weihnachten ist nicht harmlos. Ich erlebe oft, dass sich viele Menschen einen veritablen Festtagsrausch ansaufen und dann in die Mette kommen und mich in ihrer Sehnsucht nach menschlicher Nähe heftig umarmen. Einerseits ist das furchtbar, andererseits rührt es mich, denn solange die kleine Flamme noch da ist, ist noch nichts verloren. Oft kann man mit wenig viel erreichen. Einfach nur zuhören zum Beispiel. Die grässliche Fratze unserer Gesellschaft ist, dass wir sie oft sehr idyllisch gestalten wollen, aber immer unter der Aussperrung der anderen. Der Arme, der Rechtlose ist eigentlich der, in dem wir das Antlitz Christi sehen, in dem wir Gott begegnen können. Wenn man mehr auf die Schwachen in dieser Gesellschaft hören würde, könnte man vieles voranbringen.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 TEXT Markus Deisenberger FOTOS Andreas Kolarik

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