Mit zwanzig Jahren kam Piotr Beczala per Anhalter nach Wien, um tagsüber auf der Kärtnerstraße zu singen und abends auf dem Stehplatz der Staatsoper berühmten Stimmen zu lauschen. Heute ist er selber ein weltberühmter Tenor. Mit vision.salzburg sprach er darüber, warum GoUnods Faust eine seiner Lieblingspartien ist, Mephisto das Vorbild populistischer Politiker, und wie es sich anhört , wenn jemand singt, als koche er gerade Spaghetti.

 

Im französischen Repertoire fühlen Sie sich sehr zu Hause. Waren Sie für die Festspiele so etwas wie die logische Wahl für Gounods Faust?
(lacht) Das war meine Wahl. Die Festspieldirektion hat mich gefragt, was ich singen möchte, und der Faust war meine erste Wahl. Faust war so etwas wie eine Schicksalsrolle für mich: 2004 hab ich mit ihm debütiert. Seitdem verfolgt mich die Rolle. Ich bin sehr gerne Faust.

Was macht ihn aus?
Ich liebe Rollen, die auf großer Literatur aufbauen. Shakespeare oder wie in diesem Fall Goethe. Es gibt viele Vertonungen von Faust, aber was das Gesangliche betrifft, ist Gounods Faust der Schönste. Der Prolog, die Verwandlung, und am Ende weiß man nicht, ob er jung bleibt oder sich wieder verwandelt. Da gibt es durchaus die unterschiedlichsten Inszenierungen.

Sie haben das Rollen-Debüt im Royal Opera House angesprochen. Das ist jetzt zwölf Jahre her. Sie haben den Faust in der Zwischenzeit einige Male gesungen. Wie legen Sie ihn dieses Mal an?
Ich versuche, wie immer, von Null zu starten. Klar, die Rolle ist gelernt und die Noten bleiben dieselben. Aber meine persönliche Betrachtung des Stoffes ist jedes Mal ein wenig anders, weil ich selbst ja auch ein anderer bin als der, der die Rolle vor zwölf Jahren zum ersten Mal gesungen hat. Ich habe mit Regisseur von der Thannen schon zwei Mal zusammengearbeitet, weiß wie das Produktionsteam denkt. Das ist eine ziemlich beruhigende Situation für mich.

Sie haben den Prolog angesprochen. Der legt uns nahe, Mephistopheles sei ein bloßes Werkzeug Gottes. Muss es das Böse geben, damit es das Gute gibt?
Das glaube ich schon. Alles im Leben ist auf Balance ausgerichtet. Es gibt Schwarz und Weiß, Licht und Dunkelheit. Wenn es Gutes gibt, muss es auch Böses geben. Es hat schon Inszenierungen gegeben, die sich nur auf Gut/Böse stürzten und die Lebensgeschichte außen vor ließen. Und niemand hat es bislang geschafft, das Ganze umzusetzen, weil es einfach zu komplex ist. Ein so tiefgründiger Stoff gibt viele Möglichkeiten. Und alle sind interessant.

Diese zerstörerische Macht am Rande des Guten, die einen herabzieht und mit der es sich täglich auseinanderzusetzen gilt. Kommt man gegen sie an?
Aber ja, das ist doch das Schöne. Damit am Ende diese zerstörerische Macht verliert. Das ist die Philosophie des Lebens: Am Ende gewinnt das Gute, es behält die Oberhand. Es ist nur eine Frage der Zeit. Manchmal dauert es so lange, dass man es kaum abwarten oder vielleicht auch nicht mehr erleben kann. Der Prolog ist ja auch deshalb so interessant, weil sich Faust am Rande der Verzweiflung befindet. Erst als alles andere versagt hat, ruft er den Teufel. Es ist ein Akt der Verzweiflung. Mein Lieblingsmoment ist der blasphemische Ausbruch nach dem Männerchor. Der Wendepunkt in der Geschichte.

Apropos Wendepunkt: In Ihrer Linzer Zeit haben Sie in einer Saison acht Premieren gesungen und 120 Vorstellungen in der ersten Spielzeit? Sie haben mal gesagt, in solch einer Situation gebe es nur zwei Möglichkeiten: »Man wird stärker, oder man geht unter.« Sie sind nicht untergegangen, sondern haben eine Weltkarriere gestartet. Was glauben Sie, war dafür verantwortlich?
Ein bisschen Glück, das muss ich ganz ehrlich zugeben. Wenn ich nicht in Zürich einspringen hätte können, wäre es einfach anders gelaufen. Dieser eine Tag, wo ich vormittags einmal Mozarts Belmonte gesungen habe und dann abends in Zürich eingesprungen bin, solche Dinge passieren einem nicht jeden Tag. Und das hat dann vieles angestoßen. Der große Schritt von Linz nach Zürich war sicher Glückssache.

Sie haben in Salzburg schon den Tamino (1997) gesungen, später den Don Ottavio, sind gemeinsam mit Anna Netrebko in La Bohème auf der Bühne gestanden (2012). Was bedeutet die Stadt Salzburg für Sie, was bedeuten Ihnen die Festspiele?
Für mich waren das, so weit ich zurückblicken kann, immer die Festspiele. Alles andere kam an zweiter Stelle. Als ich 1997 die Möglichkeit hatte als Tamino einzuspringen, war das ein unvergleichliches Gefühl. Glücklicherweise hat sich das bis heute so entwickelt, dass ich in fast jeder Spielzeit dort gesungen habe. Das ist ein künstlerisches Glück. Nicht nur der Auftritt selbst, die Bühne, einfach alles, was in dieser Stadt im Sommer passiert, ist auf irgendeine Art und Weise mit Kunst verbunden. Man kennt sich, man begegnet sich. Ich habe auch viele Freundschaften geschlossen.

Sie lesen viel über die Häuser, an denen Sie singen, über die großen Leistungen großer Sänger und Dirigenten. Warum tun Sie das? Aus Respekt vor den Kollegen oder ist es ein historisches Interesse?
Beides. Ich glaube an eine permanente Entwicklung in jede Richtung. Dass man den Horizont erweitern muss. Ich liebe es mit Leuten zu sprechen, die Geschichte gemacht haben. Was man von erfahrenen Kollegen – Leo Nucci oder Edita Gruberova – lernt, kann man nirgends nachlesen und nirgendwo anders lernen. Man lebt im Jetzt, schon klar, und schaut nach vorne, aber man muss die Geschichte immer im Hinterkopf haben. Ich liebe es auch, auf Youtube nach irgendwelchen unbekannten Live-Aufnahmen zu stöbern, die nie veröffentlicht wurden, mit Fehlern – das prägt, das gibt mir den nötigen Abstand zu dem, was ich mache. Wenn ich eine Top-Vorstellung hatte und dann höre ich mir einen Corelli oder einen Wunderlich an, werde ich sofort auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Das relativiert und gibt mir den Ansporn weiterzumachen.

Erdrückt einen die Historie dann nicht, wenn man sieht, welche berühmte Vorgänger an einem bestimmten Ort zugange waren?
Das wäre vielleicht so, wenn alle perfekt gewesen wären. Aber niemand war oder ist perfekt. Auch ein Wunderlich hatte schlechte Tage. Es gibt keinen perfekten Sänger. Was einen großartigen Sänger auszeichnet, ist, dass das Level seiner Darbietung auch dann unheimlich hoch ist, wenn er außer Form ist, weil es etwas dahinter gibt, was überzeugt: Schönheit, Musikalität. Kleine Fehler stören nicht. Was mich stört, ist, wenn jemand singt als würde er Spaghetti kochen.

Wie klingt das?
Beiläufig, Blabla. Abliefern ohne Hintergrund. Noch schlimmer ist nur, wenn das Ego so groß ist, dass kein Platz mehr für die Kunst ist. Das macht mich wahnsinnig.

Mit dem Singen haben Sie mit Zwanzig auf der Kärntner Straße angefangen. Denken Sie heute gerne an diese Zeit zurück oder ist es etwas, mit dem Sie abgeschlossen haben?
Nein, es war den Umständen entsprechend schön damals. Ich bin per Anhalter in Wien angekommen und hab zwei Wochen auf der Straße gesungen. Abends ging ich dann zum Stehplatz an die Staatsoper. Das war die schönste Zeit damals. Ich konnte die großartigen Sänger beobachten: Raimondi, die Baltsa. Für einen Jungen aus Südpolen wie mich war das unglaublich. Das hat mich geprägt. Gehe ich heute durch die Stadt, hab ich immer eine halbe Tasche voll Kleingeld dabei. Wenn jemand musiziert, bekommt er immer etwas von mir. Auch wenn es schlecht ist.

Wie kommt ein Junge aus Südpolen überhaupt auf die Idee Sänger zu werden?
Zufall. Ich hab beim Schulchor angefangen, weil ich mich um die Mathematikstunde drücken wollte. Man hat mich angenommen. Nach einem Jahr hat man gemunkelt, es wäre vielleicht gut, wenn ich Gesang studieren würde. Das war ein Prozess. Es war also keinesfalls so, dass ich eines Tages bei der morgendlichen Toilette die Caruso-Stimme an mir entdeckt hätte. An so etwas glaub‘ ich auch nicht. Faust kommt in seiner Lebensmitte zu einem doppelt niederschmetternden Fazit: Als Wissenschaftler fehlt es ihm an tiefer Einsicht und brauchbaren Ergebnissen, als Mensch ist er unfähig, das Leben zu genießen. Ist es die Durchschnittlichkeit, die uns Menschen verführbar macht? Der Mensch ist ein schwaches Geschöpf. Er wird oft gelockt. Am besten kann man es in der Politik beobachten: Am weitesten kommt man mit populistischen Ideen.

Finden Sie, dass die schillernde Figur des Mephisto, dieser gewitzte Sympathieträger und Verführer der Massen, etwas von einem populistischen Politiker hat?
Selbstverständlich. Und zwar 1:1. Wobei ich es umgekehrt empfinde: Die populistischen Politiker beziehen sich auf Mephisto, haben ihn zum Vorbild auserkoren, weil es bei ihm so gut funktioniert hat. Vielleicht wollen sie nicht die Seele, die Wählerstimmen reichen ihnen. Aber es funktioniert. Wie man so schön sagt: Jeder Wähler hat das Recht, ein Idiot zu sein. Man kann dem Einzelnen nicht vorwerfen, für populistische Ideen empfänglich zu sein. Aber Handeln hat immer Konsequenzen. Früher oder später bekommt man die Rechnung.

Wie haben Sie es geschafft, sich nicht von der Politik vereinnahmen zu lassen?
piotr_beczala-2Ganz bewusst. Man hat mich oft angesprochen, aber ich finde, dass man Kunst und Politik nicht vermischen darf. Musik verbindet. Die Polen sagen, Musik sei ein Weichmacher. Leute, die sonst auf der Straße gegeneinander kämpfen würden, lauschen andächtig, sind gerührt. Und vielleicht gehen sie als bessere Menschen raus als sie reingekommen sind. Aber wenn das gelingt, hat es mit Politik nichts zu tun.


Piotr Besczala (50) ist einer der erfolgreichsten Tenöre. Nach Stationen in Wien und Linz am Anfang seiner Karriere, gelang ihm der Sprung nach Zürich und von dort auf die bedeutendsten Opernbühnen der Welt. In Salzburg hat er schon oft gesungen. Wenn er bei den Festspielen singt, folgt er dem Beispiel Fritz Wunderlichs und wohnt etwas außerhalb. In seiner Freizeit spielt er leidenschaftlich Golf. Sein Traum ist es, eine Opernschule mit psychologischer Betreuung und Coaches zu gründen, wo Sänger behutsam und kontinuierlich aufgebaut werden.

 

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