Alles liegen und stehen zu lassen, um in einem frem- den Land sein Glück zu versuchen, ist keine leichte Übung, aber manchem bleibt keine andere Wahl. Eine gefährliche Flucht ist oft der einzige Ausweg aus Krieg und Elend. Auch danach muss man um seinen Platz in einer neuen Gesellschaft kämpfen. Es dauert, bis man Fuß gefasst hat. Drei Menschen, die es auf ihre Art und Weise geschafft haben anzukommen.

 

Ehre und Respekt

Yao Yao Hu, der das gleichnamige Restaurant im Europark, das »Bangkok« und neuerdings auch das »Maneki Neko« leitet, kommt ursprünglich aus der Provinz Zhejiang im Osten Chinas. Sein Großvater war General und wollte, nachdem die Kommunisten die Macht ergriffen hatten, nach Taiwan iehen. Die Flucht gelang aber nicht. Er wurde hingerichtet. Um die Familie zu schützen, entschied sich sein Vater nach Europa zu gehen und landete in Österreich. Ein Jahr später kam der fünfzehnjährige Yao Yao nach. »Es war eine schwierige Zeit«, erinnert sich der Gastronom. »Wer nicht Deutsch kann, ndet keinen ordentlichen Job.« Und so begann die Familie in einem Chinarestaurant im kärntnerischen Wolfsberg zu arbeiten. »Dort wurden wir schlecht behandelt«, erzählt Yao Yao. »Ich war im Wachstum, bekam aber zu wenig zu essen und hatte ständig Hunger.« Also zog die Familie weiter nach Weiz in die Steiermark, wieder in ein Chinarestaurant. Besser war es auch dort nicht. »Ich wohnte auf dem Gang, musste nach der Schule bis acht am Abend Teller waschen. Dann erst gab es Essen. Irgendwann kochte der Chef erst um elf, damit ich länger arbeiten konnte.« Deshalb war Yao Yao in der Schule nur noch müde. Weil sein Vater das nicht mehr mitanschauen konnte, machte sich die Familie Hu wieder auf den Weg. Nächste Station: Ein Chinarestaurant in Salzburg. Es wurde ein wenig besser, aber Yao Yao hatte den Trott bald satt. »Warum kochen wir immer Acht Schätze und nicht, was ich gelernt habe?« fragte er, der als Zwölfjähriger zuhause in China die Schule geschmissen und eine Kochlehre absolviert hatte, seinen Vater. »Wenn du etwas Eigenes machen willst, dann geh«, zeigte sich sein Vater unbeeindruckt. Und so ging Yao Yao nach Thailand, wo er sich in Garküchen bis rauf zur burmesischen Grenze Wissen aneignete. Wieder zurück in Salzburg wollte er ein Thai-Restaurant aufmachen, das erste Salzburgs. Als er bei der Haus- bank der Eltern um einen Kredit ansuchte, wurde er zunächst ausgelacht. »Schließlich aber bekam ich das Geld und zeigte meinem Vater den Mittelfinger.« Erst zehn Jahre später, als er den Kredit abbezahlt hatte und sich die Papiere abholte, entdeckte er, dass sein Vater für ihn gebürgt hatte. »Das berührt mich noch heute.« Weil es damals in Salzburg noch keine Thai-Gewürze gab, musste er selbst Koriander, Thai-Basilikum & Co über München importieren. »Meine Frau und ich haben sieben Tage die Woche gearbeitet, wir waren elf Jahre lang nicht auf Urlaub.« Hart, aber es hat sich ausgezahlt: Das Bangkok hat heute eine Haube, das Yao Yao im Europark ist weit über die Grenzen Salzburgs bekannt für seine frische, innovative Küche. Weil er es selbst so hart hatte, möchte Yao Yao heute anderen Immigranten helfen. »Ich respektiere alle, die aus einem anderen Land kommen und von Null anfangen, weil ich weiß, wie hart das ist.« Deshalb nehme er sich die Zeit, seinen Leuten was beizubringen. »Mein Team ist eines der stärksten überhaupt«, sagt er stolz. Mongolei, Nepal, China, Hong Kong… Der Restaurantleiter ist Inder. Woher sie kommen ist egal. Was sie können auch. Nur eines müssen sie: Wollen. »Mein Meister in China hat mir beigebracht, worum es wirklich geht: Handschlagqualität, Ehre und Respekt.«

Sprache und Arbeit

Adeeb Keno lebte als Apotheker in Aleppo, später in Asas an der syrisch-türkischen Grenze.
Irgendwann, erzählt er, wurde die Situation dort untragbar. Zu heftig wütete der Krieg. Über die Türkei oh er deshalb in einem Boot auf die griechische Insel Symi. Eine Zeit, an die er nicht gerne zurückdenkt. Dunkelheit, Gefahr, zu wenig Wasser. »Wie Sardinen saßen wir im Boot. Auch Frauen und weinende Kinder waren mit an Bord. Es war schrecklich.« Das Schlimmste aber war die Angst, aufgegriffen und wieder zurückgeschickt zu werden. Seine Fluchtgruppe hatte Glück. Die griechische Polizei half den ausgehungerten Syrern bis nach Athen. Von dort brachen viele zu Fuß nach Österreich auf, erzählt Adeeb. Er hingegen versuchte es mit sechs anderen in einem verdunkelten LKW. »Ich wusste tagelang nicht, wo ich war.« Über Traiskirchen landete er schließlich im Salzburger Flüchtlingshaus der Caritas. Dort wurden wir so freundlich aufgenommen, dass wir uns nie gefühlt haben, als wären wir im Ausland. Dazu hat er allerdings selbst wesentlich beigetragen: Gemeinsam mit Freunden veranstaltete er bald ein syrisches Frühstück, zunächst im Green Garden, später im Glüxfall, dazu eine abendliche Syrian Pop Up Kitchen in der Trumerei. Kredenzt wurde »alles aus Aleppo«, wie Adeeb sagt. Weinblätter, Hummus, Tabouleh. Ums Geschäft ging es dabei aber nicht. »Wir machten das, damit uns die Leute kennenlernen und Angst vor unserer Kultur ablegen.« Der Plan ging auf: Bei einer der Koch-Sessions lernte Adeeb das Gastronomenpaar Fleischhacker kennen, mit dem er sich anfreundete und bei dem er heute wohnt. Der Plan, dass irgendwann seine Frau, eine Ärztin, nachkommen sollte, ging allerdings nicht auf. Mittlerweile lebt das Paar in Scheidung. Deutsch kann Adeeb heute gut, mit dem Salzburger Dialekt hat er noch so seine Schwierigkeiten. Mittlerweile hat Adeeb auch eine Arbeit im Lager der Pharmafirma Jacobi gefunden. Dass das vorübergehend nicht dem entspricht, was er eigentlich kann, ist ihm egal. »Ich bin unheimlich froh über diese Chance.« So lernt er pharmazeutische Wirkstoffe des Landes kennen. Und Arbeit sei nach der Sprache der zweite Schritt in ein selbstbestimmtes Leben. Er wolle schließlich niemandem auf der Tasche liegen.

Angst ablegen

Mahdi Rezais Familie mußte vor siebzehn Jahren vor den Taliban aus Afghanistan in den Iran flüchten. Als er Sechzehn war, hätte er von der Iranischen Regierung rekrutiert werden sollen, um gegen den IS in Syrien zu kämpfen. Falls sie gegen den IS in den Krieg ziehen würden, bekämen sie einen legalen Aufenthaltsstatus, so das Angebot. Falls nicht, würden sie nach Afghanistan zurückgeschickt. Welches Schicksal sie dort erwartete, bekam Mahdis Vater zu spüren: Er wurde von den Taliban ermordet.

Wie Tausende andere auch begab sich Mahdi deshalb auf die Flucht, die ihn über die Türkei und Rumänien nach Österreich führte. Er hatte Glück: Das Schlepperboot, auf dem er das Schwarze Meer überquerte, wurde kurz vor dem Sinken gerettet. Über Traiskirchen kam er nach Wien Erdberg. Dort war ein altes Universitätsgebäude zum Flüchtlingsheim adaptiert worden. Ein weiterer Glücksfall, denn in der dortigen Bibliothek brachte er sich in Eigenregie so viel Deutsch bei, dass er in der Stabilisierungsgruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Salzburg, wohin er letzten Endes geschickt wurde, auch als Übersetzer fungierte. Nicht nur deshalb wurde die Traumapädagogin Ingrid Kandler auf ihn aufmerksam. Sie erkannte das gewaltige Potenzial des jungen Mannes und bemühte sich über die Kinder- und Jugendanwaltschaft (Projekt Open Heart) um eine Patenschaft. Der Beginn einer Erfolgsgeschichte: Heute wohnt Mahdi bei ihr und ihrem Mann und hat den Pflichtschulabschluss mit Sehr gut absolviert. Derzeit geht er in die siebte Klasse des Herz-Jesu-Gymnasiums, hat die Angst vor dem Wasser abgelegt, indem er Schwimmen gelernt hat, und ist zum begeisterten Skifahrer geworden. Mahdis Integration verläuft optimal. Er kann sieben Sprachen teilweise fließend, in der sechsten Klasse ist er nur knapp am Vorzug vorbeigeschrammt. Sein vorrangiges Ziel ist es, in zwei Jahren die Matura mit bestmöglichem Erfolg zu absolvieren, um später Medizin zu studieren. Damit er sich seinen Lebensunterhalt selbst finanzieren kann, bekam er von SPAR die Chance, jeweils am Samstag zu arbeiten. Neben dem enormen Lernpensum in der Schule ist das eine große Herausforderung.

FOTOS Andreas Kolarik, TEXT Bernhard Ostertag

(Visited 63 times, 1 visits today)