ALMAUFTRIEB – DER ALMKANAL DIENTE FRÜHER DER WASSERVERSORGUNG DER INNENSTADT. ABER AUCH HEUTE NOCH IST ER EINE WICHTIGE LEBENSADER, DIE ÄUSSERST VIELFÄLTIG GENUTZT WIRD, WIE UNSER LOKALAUGENSCHEIN BEWEIST.

Wussten Sie, dass die Stadtbevölkerung mit Ausnahme des Erzbischofes, der seine eigene Fürstenbrunn-Quelle hatte, jahrhundertelang Almwasser getrunken hat und es wohl wieder könnte, da schon an die zwanzig Jahre keine Kläranlagen mehr in den Kanal eingeleitet werden? Nein? Norbert Peter weiß diese Dinge und erzählt sie auch gerne, denn er ist Almmeister. Als solcher ist der studierte Wasserbautechniker im Brunnhaus in der gleichnamigen Gasse für die Erhaltung des Amkanal-Systems für die Almgenossenschaft zuständig. So behält er im Auge, dass der Almkanal nicht übergeht, wenn es stark regnet. Aber auch wenn Salzburg einmal vom Niederschlag verschont bleibt, wird ihm nicht langweilig. Die heutige Uferlänge von zwanzig Kilometern will erst einmal verwaltet sein. Jede Menge Bauverfahren und dementsprechend viele Anrainerbegehren gelte es abzuwickeln. Zuletzt sorgte der in den Kopfweiden zwischen der Karl-Höller-Straße und der Weidenstraße lebende Eremitenkäfer für Aufregung. Die teils morschen Bäume dürfen laut Gemeinderatsbeschluss nicht gefällt werden, sondern müssen mit Gerüsten abgestützt werden.

 

Den Kanal musste man seinerzeit anlegen, da man in der Stadt kein Fließwasser hatte. Die Salzach war nicht beherrschbar, die paar Ziehbrunnen, die es gab, waren zu wenig für eine anständige Versorgung. Und so ließen die beiden Bauherren, das Domkapitel und das Stift St. Peter, in den Jahren 1137 bis 1143 an der schmalsten Stelle zwischen Festungsberg und Mönchsberg den vierhundert Meter langen Stollen (»Stiftsarmstollen«) durch den Berg schlagen – das älteste mittelalterliche Stollensystem Mitteleuropas. Heute steht es unter Denkmalschutz und kann im Rahmen von Führungen besichtigt werden. Eine Empfehlung.

 

Die sechsundvierzig Meter Fallhöhe werden fast überall schon von Kraftwerken genutzt. Insgesamt siebzehn Anlagen gibt es heute, die jüngste Wasserkraftschnecke versorgt die Müllner Brauerei mit Strom aus der Wasserkraft des Kanals. »Aber«, relativiert der Almmeister, »die siebzehn machen nur ein halbes Prozent der städtischen Stromversorgung aus. Vor hundert Jahren waren es noch hundert Prozent.«

Die wenigsten wissen wohl auch, dass es ein zweites, ein städtisches Brunnhaus gibt. In Zeiten, als es noch keine Kühlschränke gab, diente es der Blockeiserzeugung. Die ganze Innenstadt-Gastronomie wurde in der Münzgasse mit Eisblöcken versorgt. Mit der Einführung des Kühlschrankes wurde diese Funktion obsolet, und so wurde es 1973 zum Notstrom-Aggregat für die innerstädtischen Kulturbetriebe umfunktioniert. Eine geniale Idee, die bis heute dafür verantwortlich ist, dass u.a. Festspielhaus, Mozarteum und das Salzburger Landestheater eine eigene, unabhängige Notstromversorgung haben. Das Aggregat läuft sieben Tage die Woche, vierundzwanzig Stunden. Einzig zu Zeiten der Almabkehr – also dann, wenn der Kanal im September von Abfall und Algen, Ästen, Schlamm und Müll drei Wochen lang gereinigt wird – ruht es und das danebenstehende Diesel-Aggregat wird aktiviert.

 

Auch der Besuch der Wehranlage in der Gstättengasse, dort, wo das Wasser aufgestaut wird, erweist sich als lohnend. Hier wird das Wasser reingepumpt und verarbeitet. Faszinierend zu beobachten, wie Laub und Algen vorher durch einen Re- chen ausgeräumt werden. Der Einblick durch die Rundbögen in die Wehranlage sei »beautiful«, wie uns einige Touristen bei unserer Ankunft versichern. Und tatsächlich wäre er das, hätte nicht eine veritable Taubenplage von diesem Ort Be- sitz ergriffen. Wegen der Abgeschiedenheit von Hauptstraße und Altstadttrubel können die Tiere hier ungestört nisten, was für sie herrlich, für die Techniker und Anrainer allerdings weniger schön ist.

Der hervorragenden Qualität des Almwasser wegen hat es sich in den letzten Jahren auch wieder eingebürgert, dass die Leute den Almkanal als Badeplatz nutzen. Vor allem in Thumegg trifft sich Jung und Alt um zu baden und die Zeit am Wasser zu genießen. Die Ufer am Almkanal sind zu nicht mehr wegzudenkenden Naherholungsgebieten geworden.

Gut möglich auch, dass man mit dem O-Bus Richtung Birkensiedlung unterwegs ist und plötzlich Leute mit Surfbrett unterm Arm einsteigen. Ihr Ziel: Die Surfwelle, circa 150 m flussabwärts der Brücke Weidenstraße (Obuskehre Birkensiedlung) in Gneis. Bei der Almabkehr im September 2010 wurde die örtlich gegebene kleine Gefällsstufe mit einer Holzrampe und einer anschließenden Gerinneausweitung zu einer Trainingswelle für Surfer und Paddler ausgebaut.

 

Das Flusssurfen hat deutlichen Aufwind bekommen. »Früher fuhr man noch bei jeder Gelegenheit ans Meer um zu surfen,« erzählt uns Gerwin Andreas, »aber mittlerweile denkt man vermehrt darüber nach, in Flüssen und Bächen, an künstlich gestauten oder natürlichen Wellen zu surfen. Seine Firma Delight Alliance produziert seit elf Jahren eigens für das Flusssurfen konzipierte Boards, die an der Seite stabiler sein müssen, »weil man im Fluss mehr Steine hat. Und auf 4 Meter 30 Breite ist es schwer, allen auszuweichen.« Dennoch sei die Welle am Almkanal eine der leichtesten Wellen und daher prädestiniert, um das Reiten auf Flusswellen zu lernen. »Die Welle ist stabil, dahinter ist Platz, die Strömung zieht dich weg vom Rand«, so Andreas. Selber ist er auch Teil der Alm-Community. Nach der Arbeit eine halbe Stunde die Welle zu reiten – ein Plan, der mittlerweile vielen gefällt. An einem guten Tag sind mittlerweile schon an die dreißig Leute vor Ort. Da kann es schon mal ein wenig dauern, bis man an der Reihe ist. Die Community wird ständig größer, der städtische Surfsport boomt. Wem das zu spektakulär ist, kann zu einer der Stätten pilgern, an denen Almkanal-Zweige zu sehen sind, etwa bei der Talstation der Festungsbahn, am Universitätsplatz vor der Kollegienkirche oder direkt vor dem Republic am Anton-Neumayr-Platz, und dort die Kraft des Wassers bestaunen.

(Visited 52 times, 1 visits today)